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Machertyp:Die Subkultur hat ein Gesicht

Enik ist einer der radikalsten Münchner Künstler, wenigen bekannt, mit Platin dekoriert, oft vertrieben von der Abrissbirne. Wie kreativ das Multitalent dennoch bleibt, zeigt sein neues Album

Er ist mit Platin-Platten dekoriert und schämt sich nicht, auf der Straße zu spielen, um über die Runden zu kommen. Er macht Theater-, Film-, Jazz- und Popmusik, komponiert regelmäßig für die Fantastischen Vier, doch seine Existenzängste, die wird er nie los. Am Stadttheater Ingolstadt steht er derzeit als Benvolio in Mareike Mikats "Romeo und Julia" im Rampenlicht, als Schauspieler, der auch die musikalische Leitung hat, aber noch lieber bastelt er an neuen Songs, allein unter der Erde, im Kellerstudio.

Enik ist ein Mann der scheinbaren Widersprüche, ein radikaler Künstler, konsequent im Sinne der totalen Hingabe. Da gibt es kaum Kompromisse, wenig Auffangnetze. Der 39-Jährige formuliert das so: "Diesen Luxus, sich im Alltag treiben lassen zu dürfen, den haben nur ganz wenige Menschen. Dann passiert wirklich Leben. Dann passieren die magischen Sachen." Sich treiben lassen in guten wie in schlechten Zeiten, das ist sein Credo, seit vielen Jahren schon. Gerade sind wieder gute Tage, soeben ist Eniks viertes Soloalbum erschienen, vielleicht sein bestes, weil intuitivstes.

"Als Künstler in München rennst du immer der Abrissbirne davon." Der Songwriter und Produzent Enik hat gelernt, flexibel zu bleiben. Auch, wenn er sich manchmal am liebsten verstecken möchte.

(Foto: Myriad)

Enik heißt eigentlich Dominik Schäfer. Er ist eines der größten Talente, das die Münchner Subkultur hervorgebracht und die Stadt noch nicht vertrieben hat. Ein markantes Gesicht des Undergrounds, das noch immer zu wenige kennen. Seine erste EP "Without A Bark" ist bereits vor 16 Jahren erschienen, sein gefeiertes Debüt "The Seasons In Between" vor 13 Jahren, damals noch beim Majorlabel Emi.

In Frankreich laufen die Stücke seiner neuen, erneut englischsprachigen Platte "The Deepest Space Of Now" in vielen Radios, in München dagegen nur vereinzelt, auf "Puls" zum Beispiel. Das könnte an der Liebe der Franzosen zu Electronica liegen, zur entspannten Verquickung von Indie-Pop und Songwriting sowie der Lust am traumwandlerischen Experiment. Seltsam ist das Verhältnis des Allrounders zu seiner Stadt trotzdem. Einer Stadt, in der er lebt, seit er mit zehn hierher kam. Geboren wurde er 1980 in Dachau, aufgewachsen ist er "rund um den Ammersee, und zwar kompliziert", wie er vage beschreibt. "Meine Eltern haben sich getrennt, da war ich sechs." Die Schule hat er früh Schule sein lassen. Radikal eben.

In Jahren wie diesen ist in München ja oft die Rede von Zwischennutzung. Man kann sagen: Enik verkörpert die ewige Zwischennutzung. Beim Gespräch in einem israelischen Lokal in Haidhausen sagt er den prägenden Satz: "Als Künstler in München rennst du immer der Abrissbirne davon." Bei ihm ist das mehr als ein Spruch. Denn der Sänger, Musiker und Produzent arbeitete bereits in vielen Studios auf Zeit: in einem Keller auf dem Domagkgelände, "unten drin" im Pathos Transport Theater, in der Blumenstraße über der Registratur, in einer Zwischennutzung an der Maximilianstraße, im Optimol und, seit eineinhalb Jahren, in einem Hinterhofkeller in Haidhausen. Die meisten dieser Orte gibt es nicht mehr. Was bleibt, sind die Geschichten. "Das Domagk war ja die größte Künstlerkolonie Europas, mit zeitweise bis zu 500 Künstlern", schwärmt Enik. "Das hat München überhaupt nicht mitbekommen."

Enik alias Dominik Schäfer.

(Foto: Myriad)

Einschneidend war auch die Zeit auf dem Optimolgelände hinterm Ostbahnhof. Dort war er acht Jahre lang. Dort sind Teile des neuen Albums entstanden (veröffentlicht auf dem neuen, eigenen Label Brave & Dizzy Records). Eines Tages, als das Ende des Areals zwar feststand, Enik aber noch eine Fristverlängerung ausgehandelt hatte, wie er erzählt, passierte das Unfassbare: "Ich kam nichts ahnend auf das Gelände, und das Dach von meinem Studio war abgerissen! Es hat da reingeschneit. Das war so ein surreales Bild, dass du erst mal lachen musst." Zum Lachen ist das eigentlich nicht. Symptomatisch für München aber durchaus. "Da muss politisch ein Mechanismus her", fordert Enik. "Wenn einer so ein Gelände plattmacht, muss er an irgendeiner Stelle einen Platz für Kulturschaffende schaffen. Sonst sollte das nicht genehmigt werden."

Freischaffende Künstler mit großen Träumen sind halt doch eher Außenseiter, Randfiguren der Gesellschaft. Davon handelt auch sein neues Album, das ihn drei Jahre lang beschäftigt hat. Musikalisch schlägt es den Bogen zurück zum Debüt, hinein ins Experimentelle, hinein in die Tiefe. Da gluckern die Beats, da dröhnt der Bass, da zirpt die Gitarre, da schmeicheln die Streicher. Eine traumwandlerisch abgründige Melange aus Rebellion und Kante, Melancholie und Chaos. Dazu Eniks Stimme, die klingt, als hätten David Bowie, Nick Cave und Tom Waits ihren gemeinsamen bayerischen Adoptivsohn bei Vollmond unterrichtet. Die Platten dazwischen, "Chainsaw Buddha" (2007) und "I Sold My Moon Boots To A Girl From Greece" (2011) waren mehr Songwriterschule, mehr Indie-Rock. Alles sehr ambitioniert, ihm selbst im Nachhinein zu ambitioniert. In den neuen Songs singt er etwa von einem mittellosen und leicht verrückten Künstler, der im Reinen ist mit sich ("Strawberry Clover"). Autobiografische Züge? "Es gibt vielleicht Tendenzen dahin", sagt er und erklärt seine Empathie für Randfiguren. "Mein Freundeskreis besteht zum Großteil aus solchen Menschen." Menschen, die anecken und unberechenbar sind. So wie seine Musik. "Mir wurde schon liebevoll gesagt, ich wäre ein Grattlersammler." Enik lacht. Und erzählt von Nikki Holzhauser. Ein Mann, der ihn einst in einem Café angesprochen habe. "Er hat mir Nacktfotos von sich gezeigt, die Andy Warhol geschossen hat. Der hat Videoaufnahmen, die er in der Art Factory gemacht hat, von Jimi Hendrix, die keiner kennt auf der Welt." Anekdote oder wahr, Holzhauser ziert das Cover von Eniks drittem Album. Mit nacktem Oberkörper und Hund, lollileckend.

Im Team zu arbeiten, das mag Enik sehr. Seit Jahren komponiert er für die Fantas, zuletzt "Weitermachen" und "Affen mit Waffen" vom Album "Captain Fantastic". Für Kooperationen wie diese gab's Gold und Platin, auch für ihn. Auch "The Deepest Space Of Now" ist mit Freunden entstanden, unter anderen mit den Musikern Lorenz Baumer und Henning Sieverts, dem Rapper Tes Uno und dem Müncher Kneipenchor. "Ich wollte, dass mehr Seelchen darin schwimmen", sagt Enik.

Seit sechs Jahren hat er ein neues Standbein: die Theatermusik, die er als "größtmöglichen Kompromiss" bezeichnet. Berlin, München, Mainz, Augsburg, Ingolstadt, die Liste der Engagements als Komponist, musikalischer Leiter und, ab und an, als Schauspieler wird länger. Eines aber bleibt: "Ich strauchle und stürze", sagt Enik, "und dann steh ich wieder auf". Jetzt schreibt er erst einmal einen Roman. Künstlerische Visionen sind stärker als jede Abrissbirne.