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Ludwig-Börne-Preis für Götz Aly:Verstörend aktuell

Der Schriftsteller Götz Aly wird in der Frankfurter Paulskirche im Namen des großen Journalisten und Satirikers Ludwig Börne (1786 - 1837) geehrt, wobei zwischen dem Preisträger und dem Namensgeber der Auszeichnung eine frappierende Nähe erkennbar wird.

Volker Breidecker

Um seinen Gegnern unter der deutschen Professorenzunft weh zu tun, dazu brauchte Götz Aly, anders als man es von dem streitbaren Historiker und Publizisten gewohnt ist, bei dieser Gelegenheit nur den Namenspatron des Literaturpreises zu zitieren, mit dem die Stadt Frankfurt und die Börne-Stiftung ihn an diesem Sonntag in der Paulskirche ausgezeichnet hat. "Gott gab den deutschen Professoren die schwächsten Köpfe", hatte der als Juda Löw Baruch 1786 in der Frankfurter Judengasse geborene und 1837 im Pariser Exil verstorbene Schriftsteller, Demokrat und politische Feuilletonist polemisch befunden und insbesondere auch "die Abscheulichkeit des Stils" beklagt, der an deutschen Universitäten gepflegt werde.

Verleihung Ludwig-Boerne-Preis 2012

Der Träger des Ludwig-Börne-Preises 2012, der Schriftsteller und Journalist Götz Aly (links) und der Vorsitzende der Ludwig-Börne-Stiftung, Michael Gotthelf, in der Paulskirche in Frankfurt am Main nach der Verleihung des mit 20.000 Euro dotierten Preises. Die nach dem Schriftsteller und Journalisten Ludwig Börne (1786 - 1837) benannte Auszeichnung wird seit 1993 jährlich vergeben.

(Foto: dapd)

In Börnes Namen geehrt wurde Aly sowohl für die "Unerschrockenheit" als auch für den "freien und glänzenden Stil", mit dem sich seine Arbeiten und Studien "nationalen Legenden und Vorurteilen" widersetzten.

Was auch für den Preis selbst, der in den vergangenen Jahren etwas von seinem Renommee eingebüßt hatte, diesmal eine glückliche Fügung war. Denn schon bei der sonst stets etwas ritualisiert wirkenden alljährlichen Lesung aus Börnes - in Deutschland unbegreiflicherweise kaum greifbaren - Werken wurde man diesmal einer frappierenden Nähe gewahr zwischen Börnes Beobachtungen des jüdischen Lebens in seiner Heimatstadt und den höchst unbequemen historischen Befunden, die der Preisträger in Büchern wie "Hitlers Volksstaat" und zuletzt in "Warum die Deutschen? Warum die Juden?" dargelegt hatte: Den Sozialneid der Deutschen auf ihre jüdischen Mitbürger, die Missgunst gegenüber ihren merkurialen Tugenden und ökonomischen Erfolgen sowie den Argwohn gegenüber der Intensität, die sie auf Bildung und Ausbildung verwandten - was Alys Thesen zufolge den schwelenden Hass auf die Juden künftig zum Vernichtungswillen steigerte: All dies beobachtete Börne schon und beschrieb es mit der ebenso anschaulichen wie mitunter auch schneidigen Präzision des politischen Feuilletonisten: "Wenn der Frühling kömmt, wollen wir sehen, wer früher grünt, der Jude oder der Christ."

Der Laudatio von Jens Jessen, des Feuilletonchefs der Zeit, war vorbehalten, den inneren Zusammenhang von Alys Studien konzise darzustellen, bis hin zur Einbeziehung auch von dessen eigener, der 68er Generation in die fatalen Muster der Verdrängung und Abwehr von deutscher Schuld.

Daraus, sagte Jessen, könne sich keiner verabschieden, solange auch die Nachkommen noch immer die materiellen Nutznießer der inneren wie äußeren Raub- und Mordzüge ihrer Väter oder Großväter sind: Auch auf lange Sicht werde es "keine deutsche Selbstversöhnung geben", wie sie "mancher schon herbeischreiben wollte".

Davon entlastet, sich selbst explizieren zu müssen, konnte Aly seine Preisrede dann auch ganz auf Börne und dessen verstörende Aktualität fokussieren: "Alle denken daran . . .. Sie sind wie gebannt in diesem magischen Judenkreise, es kann keiner hinaus", hatte dieser über die nichtjüdischen Deutschen seiner Zeit geschrieben. Und der Mann, der sich glücklich schätzte, "zugleich ein Deutscher und ein Jude zu sein", wusste nur zu gut, woher "der böse Zauber" käme: Aus Ressentiment und Neid, aus Missgunst und Hass.

Beispiele dafür wusste Aly schließlich auch aus dem Denken, der Rhetorik und dem Umfeld manch angesehener Paulskirchenrepublikaner zu nennen. Derweil ging über die Paulskirche der erste heftige Regen seit langem nieder.

© SZ vom 04.06.2012/pak

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