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Literaturnobelpreis 2014:Kampf um das perfekte Ranking

Literaturnobelpreis

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(Foto: SZ-Grafik: Eiden)

An diesem Donnerstag wird der Literaturnobelpreis vergeben. Und wieder wird man sich darüber streiten, ob der Gewinner den Preis verdient hat. Gibt es ein Bewertungsverfahren, mit dem sich das beste literarische Gesamtwerk der Welt bestimmen lässt? Ein Versuch.

Der Literaturnobelpreis wird vergeben - und wieder ist die ganze Welt (oder wenigstens die ganze literarische Welt) vorher ein bisschen aufgeregt - und hinterher skeptisch bis gar nicht einig, ob der Gewinner oder die Gewinnerin den Preis wirklich verdient habe, weil, wenn man sich das Werk des Siegers einmal genauer ansehe, erkenne man doch deutlich diese oder jene Mängel, handwerklich, dramaturgisch, stilistisch und so weiter - stopp! Müsste die Frage nicht zuerst einmal lauten: Gibt es eigentlich ein Bewertungsverfahren, womöglich sogar eine etablierte Methode, mit denen sich das beste literarische Gesamtwerk der Welt bestimmen lässt?

So heterogen wie die Lektüreeindrücke der Mitglieder der schwedischen Akademie dürften in der Regel die literarischen Wertkategorien sein. Unabschließbar wirkt die Liste der Kriterien, die für eine Bewertung relevant sein könnten: Ist das Werk formal stimmig? Bedient es sich einer anspruchsvollen Sprache? Ist es innovativ oder originell? Schließt es an große literarische Traditionen an oder bricht es mit ihnen? Entwickelt es eine ethisch-moralische Perspektive auf das politische Weltgeschehen? Ist das Lesen der Bücher eines Autors ein lustvolles Erlebnis?

Anwärter auf den Literaturnobelpreis 2014

Gefeiert und verbannt

Der Ruf nach einem Ranking

Und selbst wenn es der Jury gelingen sollte, sich auf ein begrenztes Set anzuwendender Kategorien zu einigen: Wie sollte es ihr gelingen, einen Konsens über die einzelnen Werte zu erzielen, die Kandidaten in den jeweiligen Kategorien zugewiesen werden? Wie sollte man Don DeLillos legendäre narrative Anfangssequenzen bewerten? Und selbst wenn man sich diesbezüglich einigen könnte: Wie sollten diese Einzelnoten dann wiederum zu einem Gesamtwert verrechnet werden? Entschädigt der brillante Stil eines Œuvres für eine fragwürdige Moral? Können ingeniöse Personencharakterisierungen langweilige Handlungsstränge aufwiegen? Lässt sich mangelnde Originalität durch tief aus der Brust gepresste Authentizitätsgesten ausgleichen?

Jede Preisvergabe muss folgendes Problem lösen: Am Ende müsste erstens für jedes Gesamtwerk ein Gesamtwert feststehen. Und zweitens müsste sich am Ende des Wertungsvorgangs eine klare Hierarchie aller Gesamtwerke herstellen lassen. Es reicht nicht zu sagen: Das eine Œuvre bereite viel Lust, dafür habe das andere mehr Erbauung zu bieten. Ein Gesamtwerk muss insgesamt das Beste sein.

Überall, wo in der Gegenwart Hierarchisierungsbedarf in Wertungsfragen besteht, ist der Ruf nach einem Ranking nicht fern, von den Universitäten bis zu Alltagsvergnügungen. Ranglisten prägen auch den Literatur- und Kunstbetrieb. Bücher werden in Bestsellerlisten nach ihren Verkaufszahlen hierarchisiert, die Zeitungen publizieren Listen mit den teuersten Kunstobjekten der Auktionssaison. Kleine Gruppen von Literaturkritikern erstellen Bestenlisten der Werke, die ihnen am meisten zusagen - ohne freilich die ihren gemeinsamen Entscheidungen zugrunde liegenden ästhetischen Wertungsakte umfassend offenzulegen. Und die britischen Buchmacher bedienen sich Jahr für Jahr der kruden Probabilistik der Gewinnquote, wenn sie ihre Ranglisten der aussichtsreichsten Nobelpreisanwärter publizieren.

Eine differenziertere Liste

Angesichts dieser grobschlächtigen Literatur-Rankings kann man den Eindruck gewinnen, dass die Alternative zum Ranking nicht Listenabstinenz sein kann, sondern nur eine differenziertere Liste. Man sollte es auf einen Versuch ankommen lassen: Legt man also - wie wir es anlässlich der diesjährigen Literaturnobelpreisvergabe getan haben - den Literaturkritikern der großen deutschen Tages- und Wochenzeitungen eine ästhetische Kategorientafel vor und bittet sie um eine numerische Bewertung der 20 Schriftsteller, die laut dem Londoner Buchmacher Ladbrokes die besten Chancen haben, in diesem Jahr den Nobelpreis zu gewinnen, so erhält man die auf dieser Seite abgedruckte Grafik.

Sie beruht auf den Wertungen von 13 bekannten deutschen Literaturkritikern: Gregor Dotzauer, Ina Hartwig, Dirk Knipphals, Iris Radisch, Volker Weidermann, Gerrit Bartels, Richard Kämmerlings, Sandra Kegel, Felicitas von Lovenberg, Ursula März, Christopher Schmidt, Ijoma Mangold und Hubert Winkels.