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Literaturfest:Kein Miteinander

1989 und die Folgen: Laor und Sorokin

Von Eva-Elisabeth Fischer

Wenn Ingo Schulze solches sagt, dann klingt das schön, schlicht und wahr. Der Kurator des Forum:Autoren also begrüßt den russischen Schriftsteller Vladimir Sorokin als "Hebamme" des eigenen Schreibens: "Ohne ihn wäre ich nicht der Schriftsteller, der ich bin." Und Sorokin, Jahrgang 1955, ein melancholischer Dandy im Wildkatzenhemd, lächelt dazu sanft unter seiner weißen Pagenfrisur, während Yizhak Laor aus Tel Aviv, der andere schreibende wütende weiße alte Mann an diesem Spätfreitagnachmittag im Literaturhaus, höflich zuhört.

Es wird kein Zwiegespräch, keinen Austausch geben zwischen den beiden Literaten um die "Fragen an die Welt nach 1989". Und das liegt keineswegs an der Sprachbarriere Russisch-Hebräisch. Denn beide verstehen gut Deutsch, der eine, Laor, weil er, 1948, im Jahr der Staatsgründung geboren wurde als Sohn eines Bielefelder Vaters, während der andere, Sorokin, zwar immer noch in Moskau, aber eben auch in Berlin lebt, wobei letzteres kaum positiv unter die prospektiven "Einübungen ins Paradies" ins Gewicht fällt. Trotzdem ist ein Übersetzer da, David Drevs, dessen ebenso gescheite wie diskrete Übertragungen keineswegs dazu angetan wären, einen Dialog zu unterbinden. Und es liegt auch nicht an den klugen Fragen von Moderatorin Christine Hamel, die allerdings ins Leere zielen, weil beide Männer stets was Anderes als das Gefragte erzählen wollen.

Dass Laor wie auch Sorokin jeweils eine Geschichte vorlesen zur individuellen Wahrnehmung des Mauerfalls, fördert sie nicht, die Kommunikation. Laors in Teilen 30 Jahre alte Streitschrift klagt abermals an, was er als Neulinker seit 1969 immer wieder angeklagt hat: die Nöte in der Dritten Welt zum einen und die Unfreiheit einer ganzen Bevölkerungsgruppe im eigenen Land, der Palästinenser, ein Faktum, das er angesichts der Abhängigkeit von den USA unter "Neokolonialismus" verbucht. Niederschmetterndes Fazit seines Vortrags: Es handle sich um kein Manifest, denn er sei ohne Hoffnung. Sorokin hingegen trägt eine poetische "Transformationsallegorie" vor. Darin mutieren nach dem Mauerfall gesammelte Mauerstückchen nach und nach zu Buchstaben und endlich zu Fragewörtern: "warum", "wofür", "wozu". Sein pessimistisches Fazit: Putins rückwärtsgewandte Politik seit fast 20 Jahren lässt auch die Jungen sagen: "Wir spüren nicht die Zukunft."

Yitzhak Laor, der nach 1989 die erste Intifada und einen Krieg nach dem anderen erlebte, immerhin findet die Erklärung für das unkommunikative Nebeneinander dieser Veranstaltung: "Jeder lebt mit seiner Fernsehwirklichkeit." Die er selbst als unerträglich verweigert, aber die ihn in ihrer Perspektivlosigkeit mit Vladimir Sorokin eint.

© SZ vom 23.11.2019
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