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Literatur und Performance:Ulf soll's richten

Lesefestival Nürnberg

So entspannt sieht das aus, wenn Lesereihen einladen. Beim Festival im Nürnberger Z-Bau zieht man am Wochenende nach Drinnen.

(Foto: Marco Lehmbeck)

Durch das "Unabhängige Lesereihen-Festival" erhofft sich Nürnberg einen literarischen Schub

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Das erste Lesefestival dieser Art, mehr als 100 Autoren an vier Tagen und das in Nürnberg - warum jetzt gerade da? Ja, antworten die Veranstalter des ersten "Unabhängigen Lesereihen-Festivals", das auf den schönen Namen Ulf hört, mit keiner anderen Frage sehen sie sich momentan häufiger konfrontiert. Die Antwort fällt dann auch eher komplex aus.

Nürnberg, das muss man vorab zur Ehrenrettung mal festhalten, hat durchaus eine literarische Vergangenheit. Der Wettbewerb um den Meistergesang etwa, der war bekanntlich an der Pegnitz beheimatet. Auch die ersten Papiermühlen entstanden dort, und der ältesten noch existierenden Sprachgesellschaft Deutschlands darf sich die Halbmillionenstadt ebenfalls rühmen. Gut, seither sind allerdings ein paar Tage ins Land gezogen. Wer sich die zeitgenössische Literaturszene Nürnbergs anschaut und sie etwa mit der im (bevölkerungsmäßig genauso großen) Leipzig vergleicht, der wird der Stadt das Wort Provinz kaum ersparen können. Man könnte sogar sagen, dass Nürnberg in wenigen Facetten provinzieller ist als eben literarisch.

Umso wichtiger, dass sich was tut. Seit 2015, erzählt der Berliner Tillmann Severin vom Organisationsteam, treffen sich so genannte Lesereihen - örtlich verwurzelte Veranstaltungsreihen für die freie Literaturszene - in verschiedenen deutschsprachigen Städten. Etwa 25 solcher Lese-reihen gibt es derzeit in Deutschland, Österreich und der Schweiz, gemeinsam setzt man sich etwa für Mindesthonorare für lesende Autoren ein. Der Gedanke, ein Festival aus der Taufe zu heben, ist dreieinhalb Jahre alt, erzählt der Münchner Tristan Marquardt, ebenfalls Mitorganisator. Und wurde in der Dimension am Ende nur durch einen großzügigen Zuschuss der Kulturstiftung des Bundes möglich.

Warum also Nürnberg? Nun, sagt Severin, man habe sich gerade nicht dorthin begeben wollen, wo die freie Szene ehedem schon fest verwurzelt ist: Berlin etwa oder Hildesheim und Leipzig, wo man literarisches Schreiben studieren kann. Außerdem liege Nürnberg ziemlich genau in der Mitte von Deutschland, Österreich und der Schweiz. Vor allem aber gibt es in Nürnberg seit 2015 diesen Veranstaltungsort, der in der Tat wie geschaffen wirkt für so ein Festival: der kolossale Z-Bau, eine ehemalige SS-Kaserne am Reichsparteitagsgelände, in die nach dem Krieg US-Soldaten eingezogen sind und die seit einer Sanierung vor vier Jahren der städtischen Gegenwarts- und Subkultur eine Heimat bietet. Drei Säle hat der ehemals unwirtliche Bau - der nach seiner Z-Form benannt ist und Besucher inzwischen mit einem der geselligsten Biergärten der Stadt lockt.

Dass ein Festival für performative Literatur und interdisziplinäre Formate dort angemessen aufgehoben ist, lässt sich am Eröffnungsabend beobachten. Auf der Bühne im großen Saal hat das Duo "SuppKultur" sein literarisches Arbeitsmaterial aufgestellt, das im Wesentlichen aus einem Kontrabass und einem Kochfeld besteht, dazu ein Großküchentopf, diverse Suppengewürze und Mikrofone und, versteht sich, ein Wasserglas. Letzteres darf wohl als Reminiszenz an die gängige Wasserglaslesung gelten, deren Überwindung man vermutlich als heimliches Ziel aller 80 Veranstaltungen im Z-Bau annehmen darf. "SuppKultur" haben sich dadurch einen Namen gemacht, dass sie Kultur (Literatur und Jazzkontrabassmusik) stets mit Suppe kredenzen. Gelegentlich bieten sie in ihrem literarischen Imbisswagen auch Suppe ohne Kultur, niemals aber Kultur ohne Suppe. Wie auch am Eröffnungsabend, an dem sie sich Gäste eingeladen haben: den Anna-Seghers-Preisträger Joshua Groß, den nigerianischen Schriftsteller und Satiriker Elnathan John und Ronya Othmann, die kürzlich beim Bachmannwettbewerb in Klagenfurt den Publikumspreis zugesprochen bekommen hat.

Vorlesen aus bisher unveröffentlichten Texten ist nun die eine, eine auf dem Küchenfeld köchelnde Kartoffel-Zucchini-Suppe ordentlich würzen die andere Aufgabe für die Gäste. Bei alldem wird geplaudert, über Bohnenkraut und entstehende Genozidtexte, das muss nicht immer passen, und es passt dann auch manchmal nicht. Am Ende sagt Elnathan John, beim Kosten der Suppe: "Too many cooks." Und da hofft man kurz, dass sich das nicht als Omen für dieses Festival erweisen wird.

Was man gesehen haben muss an diesem Wochenende, bei einem Programm, das Friederike Tappe-Hornbostel von der Bundeskulturstiftung als "reine Überforderung" würdigt? Mindestens die fabelhafte Lena Gorelik, die mit Yamen Hussein in der Reihe "Weiter schreiben" auftritt, dem Portal für Literatur aus Krisengebieten. Und womöglich - als pars pro toto - den Auftritt der Berliner Lesereihe "Kabeljau und Dorsch", die in einer literarischen Late-Night-Show verschiedene Stationen einer Autorenkarriere nachstellt: Visitenkarten sammeln, Image entwickeln, Shitstorm durchstehen, von der Long- auf die Shortlist kommen, Büchnerpreisrede aufbauen und so fort. Schön.

Unabhängige Lesereihen-Festival, bis Sonntag, 15. Sep., Z-Bau, Nürnberg, Frankenstraße 200

© SZ vom 14.09.2019
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