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Literatur:Städte lesen lernen

Erstmals in München: das fünfte deutsch-ukrainische Schriftstellertreffen "Brücke aus Papier"

Mariupol ist bei den Lesungen, Vorträgen und Diskussionen einer der Schauplätze.

Nicht alle Türen öffnen sich von selbst. Die Autorin Bianca Kos erzählt in ihrem Roman "Das Mundstück" ein "typisch ukrainisches Eingangstor-Erlebnis" aus der Stadt Charkiw: Die Tür zum Gebäude ist versperrt, eine Klingel nicht zu sehen, und hat man sie endlich gefunden, schnaubt ein Portier durch die Sprechanlage und tut - nichts. Rettung naht in diesem Fall in der Person einer "auf High Heels stöckelnden, stark geschminkten und parfümierten Frau", die sofort eingelassen wird. Die Ich-Erzählerin huscht schnell hinterher. "Es dauert nicht lange, dann bin ich wieder draußen, ein bisschen gescheiter und ein bisschen gescheitert."

Man muss sich eben auskennen in einer unbekannten Stadt, muss seine Erfahrungen sammeln. Das deutsch-ukrainische Projekt "Eine Brücke aus Papier" jedenfalls, das in der kommenden Woche erstmals eine Brücke nach München schlägt, kann inzwischen reichlich Erfahrungen in gleich mehreren ukrainischen Städten vorweisen. Erstmals trafen sich deutsche und ukrainische Schriftsteller 2015 in der Stadt Lwiw, auf deutsch Lemberg, und in den Jahren darauf immer weiter im Osten: in Dnipro, in Charkiw und schließlich im vom Krieg geprägten Mariupol.

Serhij Zhadan.

Wie es überhaupt dazu kam? Die Initiative für diese internationalen Treffen hatte die Münchner Kulturvermittlerin Verena Nolte ergriffen. Viele ukrainische Schriftsteller, von Juri Andruchowytsch bis Oksana Sabuschko, hatte sie als Leiterin der Villa Waldberta Ende der Neunzigerjahre gut kennengelernt. Als 2013 die Euromaidan-Proteste begannen, als wenig später der bis heute andauernde Krieg in der Ost-Ukraine entflammte, dachte sie: "Jetzt muss ich aber was machen!" Sie suchte Verbündete, fand sie in bis heute treuen Förderern, vom Auswärtigen Amt über das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst bis hin zum Münchner Kulturreferat. Verbündete fand sie vor allem aber auch in den Schriftstellern selbst, insbesondere Juri Andruchowytsch; Nolte nennt ihn scherzhaft "den Paten".

Zusammen beschloss man, keine Art von Festival zu gründen, das man "wie von einem Flugzeug" über einem Land abwirft. Sondern ein jeweils über mehrere Tage dauerndes Treffen mit Lesungen, Vorträgen, Diskussionen, gemeinsamen Unternehmungen und angedockten Kunstaktionen und Konzerten - unterstützt von in diesem Fall überaus wichtigen Übersetzern und Dolmetschern. Es sollten Treffen werden, um einander kennenzulernen - denn wirklich viel wissen Ukrainer und Deutsche nicht voneinander. Treffen, um den Osten brückenschlagend "wieder nach Mitteleuropa zu holen", wie Nolte sagt; Treffen, um Türen zu öffnen.

Petra Morsbach

Petra Morsbach. Fotos: Wanja Nolte, Kulturallmende

Auch für die anstehende erste Brücken-Woche in Deutschland, zunächst in München und anschließend in Berlin, haben sich viele Türen weit geöffnet. Mit einer Ausnahme: Ein Kunstprojekt von Halle-6-Leiter Christian Schnurer, kürzlich erfolgreich in Mariupol begonnen, wird er in München voraussichtlich nicht weiterführen können - von ihm vorgeschlagene Orte für seine Fahneninstallation wurden nicht genehmigt. Ansonsten jedoch wird die Kulturkarawane täglich zu einem neuen Ort ziehen, um die Ukraine stadtübergreifend zum Thema zu machen: Am Montagabend stellt Juri Andruchowytsch mit der Band Karbido im Muffatcafé das gemeinsame Album "Lithographien" vor. Am Dienstag ist er zusammen mit Serhij Zhadan, Oleh Kozarew und den deutschen Kolleginnen Esther Kinsky, Marion Poschmann und Nancy Hünger im Lyrik Kabinett bei einer "Ukrainisch-deutschen Lyriknacht" zu erleben. Am Mittwoch lesen und diskutieren Petra Morsbach und Taras Prochasko in der Buchhandlung Lehmkuhl. Am Donnerstag stellt Zhadan bei einem Konzert seiner Elektrorock-Band Konfiskat das Projekt "Mannerheimlinie" vor. Am Freitag endet das Treffen im Einstein 28 mit einem Lesefest für den jahrelang inhaftierten Regisseur und Autor Oleg Senzow, der vor wenigen Wochen wieder in Freiheit kam.

Das sind nicht gerade wenige Abendveranstaltungen, mit prominenten Teilnehmern. Doch es ist längst nicht alles. Nachmittags sind weitere Lesungen im Lyrik Kabinett angesetzt. Wladimir Rafejenko aus Donezk zum Beispiel wird bedrückende Szenen aus dem Kriegsgebiet lesen, Oksana Stomina bewegende Momentaufnahmen aus Mariupol; auch Andrej Kurkow, der wie unter anderen Alexander Milstein auf Russisch schreibt, ist angekündigt. Und natürlich ist Bianca Kos mit ihrem witzigen Charkiw-Roman dabei; sie verarbeitet darin ihre Erfahrungen als Auslands-Lektorin. Es ist ein Roman über eine Stadt mit vielen Gegensätzen, nicht nur Türen betreffend; eine Stadt, in der die Ich-Erzählerin als Running Gag übrigens die ganze Zeit den berühmten Schriftsteller Serhij Zhadan kennenlernen will. Überall sucht sie ihn, stets vergeblich: Das Treffen mit ihm bleibt ein Traum. In München wird es Wirklichkeit.

Eine Brücke aus Papier, Montag, 21., bis Freitag, 25. Oktober, Infos unter www.paperbridge.de