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Literatur-Sensation "Ein wenig Leben":Das Trauma selbst wird zu einem Modus des Erzählens

Dabei unternimmt Jude immer wieder Versuche, aus der Sprachlosigkeit auszubrechen. Die Splitter, die er dann preisgibt, treiben die Handlung des Romans in die Vergangenheit zurück. Wie die Rasierklingen, die Jude sich ins Fleisch rammt, um mit dem jähen Schmerz die Scham zu übertönen, gräbt sich die Erzählstimme in Judes Vergangenheit. Der Leser nimmt nicht nur am Martyrium seiner Kindheit teil, er wird zugleich zum Zeugen seiner Selbstzerfleischung. Jude ist ein Schmerzensmann, ein Büßer, auf den keine Erlösung wartet.

Hanya Yanagihara hat den Roman als Versuchsanordnung angelegt: Was passiert, wenn in der Mitte der Handlung ein schwarzes Loch liegt, dessen Schwerkraft so stark ist, dass kein Licht, keine Materie und keine Information nach außen dringen kann? Diese Anordnung treibt das Erzählen selbst in eine Krise. Der Roman kreist mit immer größerer Geschwindigkeit um eine Hauptfigur, die sich dem Erzählen verweigert. Dass das über 960 Seiten spannend bleibt, ist große Kunst. Die Autorin erzählt nicht von einem Trauma, sie macht das Trauma selbst zu einem Modus des Erzählens und nähert sich seinem Ursprung in konzentrischen Kreisen.

Zwar hat Jude irgendwann alles erreicht, was ein neben einer Mülltonne ausgesetztes Waisenkind erreichen kann — lichtdurchflutetes Loft in SoHo, glänzender Ruf als Anwalt, illustrer Freundeskreis. Er wäre das Sinnbild des amerikanischen Traums - vom Findelkind zum Millionär. Aber er entkommt seiner Vergangenheit nicht. Sie wird "lebendiger, je weiter er sich von ihr entfernt". Jude verkörpert Stagnation, Schmerz und Einsamkeit, seine Geschichte ist ein großer Anti-Bildungsroman. Der amerikanische Traum als individuelles Projekt, die eigene Vergangenheit hinter sich zu lassen, geht in "Ein wenig Leben" nicht in Erfüllung.

Dieses Buch kann einen tatsächlich verschlingen

Das Buch durchkreuzt diesen Traum mit dem subversivsten Mittel, das die Literatur besitzt, der Selbstzerstörung der eigenen Erzählung. Die Dunkelheit, die Jude umgibt, verschluckt alles Licht und alle Fröhlichkeit, die Erzählzeit krümmt sich um ihn, es gibt kein Fortkommen. Ständig muss er daran denken, "was für ein blutiger, dreckverkrusteter Fetzen sein Leben war". Von Jude geht eine Schwerkraft aus, die alles mit sich reißt. Das gilt nicht nur für die anderen Figuren im Roman, die im Vergleich zu ihm zu Nebendarstellern werden. Es gilt auch für den Leser. Dieses Buch kann einen tatsächlich verschlingen.

Diese Erzählstruktur ist Stärke und Schwäche des Romans zugleich, aber eine Schwäche, der sich die Autorin freiwillig ausliefert. Einerseits ist es geschickt von ihr, so zu erzählen, dass man als Leser das Buch nicht mehr aus der Hand legen kann, obwohl im Kern eigentlich nichts Neues passiert. Hanya Yanahigara schreibt so emphatisch über Jude und seine Freunde, die sich selbstlos um ihn kümmern, dass man tatsächlich Zeuge sowohl von unendlicher Gewalt als auch von grenzenloser Liebe und Vergebung wird. Immer wieder keimt die Hoffnung auf, es könne am Ende doch noch alles gut werden.

Andererseits aber erwächst aus dem schwarzen Loch im Zentrum eine Kraft, von der die Erzählung selbst zermalmt zu werden droht. Dass in diesem New-York-Roman die Stadt selbst blass bleibt und Ereignisse wie der 11. September oder der Irakkrieg nicht vorkommen, ist kein Versagen der Autorin, sondern der Struktur des Romans geschuldet. Ebenso wie die Tatsache, dass es zwischen dem unendlich Guten, das Jude in Gestalt seiner Freunde umgibt, und dem unendlich Bösen, das diese Figuren von außen bedroht, keine Graustufen gibt. "Ein wenig Leben" ist kein realistischer oder psychologischer Roman. Er ist ein Modellversuch. Yanagihara sagt, sie habe keine Recherchen über Missbrauchsopfer angestellt, sondern das Buch binnen 18 Monaten in fiebriger Nachtarbeit heruntergeschrieben.

Der Kunstfertigkeit der Autorin verdankt sich die Sogwirkung dieses Romans, der man sich kaum entziehen kann. Die Krise des Erzählens wird zur Metaebene des Melodrams. Um leben zu können, müsste Jude erzählen. Einmal kritisiert Willem das Versprechen der Psychotherapie, das Leben sei "in irgendeiner Weise reparabel". Dass Erzählen heilen kann, ist die Grundannahme der Psychoanalyse seit Freud. "Ein wenig Leben" handelt davon, wie Jude immer wieder daran scheitert, an der Heilkraft des Erzählens teilzuhaben. Erst ganz am Ende setzt er an, zum ersten Mal aus freien Stücken, davon zu erzählen, wie er damals während einer Party vom Dach gesprungen ist. "Es ist eine gute Geschichte", sagt er. "Ich erzähle sie dir." Als er zu erzählen beginnt, endet notwendigerweise der Roman.

Hanya Yanagihara: Ein wenig Leben. Roman. Aus dem Englischen von Stephan Kleiner. Hanser Berlin Verlag, München 2017. 960 Seiten, 28 Euro. E-Book 19,99 Euro.