Literatur Schaf und Schädel

Ihre Sprache ist bunt: Karin Fellner transformiert Phänomene aus Alltag und Wissenschaft zu neuen Kunstgebilden.

(Foto: Lukas Barth)

Der neue Gedichtband von Karin Fellner ist witzig und voll hübscher Wortspiele

Von Antje Weber

Eigentlich könnte man als Titel über diesen Gedichtband auch schreiben: "Schädel, du Umspannwerk!" Karin Fellner hat sich jedoch für den Titel "eins: zum andern" entschieden, und das passt natürlich auch. So heißt eines der letzten Gedichte des Bandes, quer über mehrere Seiten laufend, und in dem kommt wirklich eines zum andern; es ist ein Assoziationsfeuerwerk, das in seiner Gesamtheit nicht ganz leicht zu deuten ist, in dem aber immer wieder interessante Partikel aufblitzen: "verwirf die Untersysteme, die alten Zugriffe", heißt es da, "übe zu schauen" und eben: "Schädel, du Umspannwerk!"

Der Schädel der Münchner Lyrikerin Karin Fellner scheint ein besonders effizientes Umspannwerk zu sein; darin transformiert sie Phänomene aus Alltag und Wissenschaft, Fragmente aus diversen Sprachen zu neuen Kunstgebilden. Und wenn man das alles unverkrampft anschaut, also wirklich einfach übt zu schauen, dann kann man in ihren Gedichten jede Menge Entdeckungen machen - und einfach Spaß daran haben. Die Lust am Wortklang, an Lautverschiebungen und Sprachspielereien aller Art will die Dichterin ja auch seit vielen Jahren in Schreibseminaren - zuletzt mit der Wilhelm-Busch-Realschule - bei Jugendlichen auslösen. Und man hat den Eindruck, dass sie in dieser neuen Veröffentlichung, im Vergleich zum letzten Band "Ohne Kosmonautenanzug", ihrem Affen besonders viel Zucker gegeben hat.

Wobei das abgenutzte Bild vom Affen Karin Fellner wohl eher nicht über die Tastatur kommen würde. Sie interessiert sich eher für Schafe. "Schaf hoch Schaf hoch" heißt ein Gedichtzyklus; an der Halde - nicht im Walde - steht da zum Beispiel ein Schaf "schwarz und schweiget / von Mäh-Mählichkeit". Das ist eine ganz schön alberne Abwandlung des "Abendlieds" von Matthias Claudius. Fellner hat diesen Bezug wie viele andere freundlicherweise in einer Liste am Ende vermerkt. Das schwarze Schaf spricht übrigens auch in diesen Gedichten, es sagt so dies und das, aus "hundert Huf Distanz" versteht man nicht alles, aus fünf Huf Distanz auch nicht unbedingt, das macht aber nichts.

Denn auch Fellner stellt lieber Fragen, als dass sie Antworten gibt. "magst du aufmachen", fragt sie im ersten Gedicht, "gibt es Schlüssel, er- oder entschließt sich Sinn, umzugehen, womit?" Und reiht dann die schönen ö-Wörter "stört", "Stör" und "Strömung" aneinander, gefolgt von der Frage: "sind mehrfache Gänge vorhanden?" Ja, mehrfache Zugänge zu ihren Gedichten sind vorhanden, das zumindest lässt sich eindeutig feststellen. Und so kann, wer will, mit ihr ins "Zwischendunkel" schauen, "ins grundlose". Oder einfach mit ihr zusammen ausrufen: "Sprahahache, ach! bewegtes Gefilde".

Karin Fellner: eins: zum andern, Gedichte, Parasitenpresse, Köln 2019, 60 Seiten, 10 Euro