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Literatur:Phantasie für eine entzauberte Welt

Sonderausstellung Augsburger Puppenkiste

Nicht in jeder Hinsicht modern, aber immer noch sehr beliebt: "Jim Knopf"; hier eine Szene aus einer Ausstellung der Augsburger Puppenkiste.

(Foto: dpa/Stefan Puchner)

Eine Tagung zu Michael Ende macht deutlich, dass sein Werk vielschichtiger ist, als der Ruf dieses Autors ahnen lässt

Wie war das noch, damals, als sich Jim Knopf mit der Prinzessin Li Si verlobte? Im Jahr 1960 wurde dieses Fest in Michael Endes Kinderbuch "Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer" so zelebriert: Li Si schenkte Jim eine Tabakspfeife. Und Jim schenkte Li Si ein "kleines, zierliches Rubbelbrett" zum Wäschewaschen: "Die kleine Prinzessin freute sich riesig".

Da müssen heutige Leserinnen und Leser natürlich herzlich lachen. Veraltete Geschlechterrollen, das gefürchtete N-Wort und allerlei Völker-Exotismen - ist dieses Buch heute also nur noch von antiquarischem Wert? Auf einer Tagung zum Werk Michael Endes in der Internationalen Jugendbibliothek beschäftigte sich der Münchner Germanist Klaus Hübner mit dieser Frage. Seine differenzierte Antwort: Natürlich müsse man die Entstehungszeit Ende der Fünfzigerjahre immer mitbedenken; "Jim Knopf" sei zwar "merklich gealtert", in mancher Hinsicht jedoch jung geblieben. Der "Spielcharakter des Textes" zum Beispiel funktioniere nach wie vor; auch Eigenschaften wie Gerechtigkeitssinn, Mut oder Humor seien im 21. Jahrhundert nicht obsolet geworden. Gar nicht altmodisch sei überdies, dass etwa ein schlimmer Drache wie Frau Mahlzahn nicht umgebracht, sondern in einen "Drachen der Weisheit" verwandelt wird. Dieses "Wunder der Gewaltlosigkeit" zeige den Lesern: "Ohne Töten und Strafen geht es auch."

Hübners Vortrag zu Jim Knopf war am vergangenen Wochenende einer der eingängigeren. Anspruch der Tagung unter dem Titel "Die Lust am freien und absichtslosen Spiel der Phantasie" war schließlich, sich Michael Ende (1929 - 1995) erstmals umfassend wissenschaftlich zu nähern. Denn es sei ein Phänomen, so IJB-Direktorin Christiane Raabe, dass Ende als einer der meistgelesenen Autoren zum kinderliterarischen Gedächtnis gehöre, "in der Forschung jedoch kaum wahrgenommen" werde. Immerhin, seit einiger Zeit sei ein "gewisser Aufschwung" in der Ende-Forschung zu erkennen, sagte der Germanist und Jugendliteratur-Experte Hans-Heino Ewers in seinem Eröffnungsvortrag. Gemeinsam sei neueren Dissertationen und Publikationen, dass Ende nicht als Kinder- und Jugendbuchautor behandelt werde, sondern als Erwachsenenautor. Ganz im Sinne des Schriftstellers, den der eng mit ihm befreundete Komponist Wilfried Hiller in einem Werkstattgespräch so zitierte: "Ich habe nie für Kinder geschrieben. Nur für das Kind, das ich selber geblieben bin."

Deutlich wurde bei dieser Tagung: Michael Ende, oft nur als begabter Fabulierer wahrgenommen, wusste sehr genau, was er tat. Er band sich klug an literarische Traditionen an, von Franz Kafka bis Jorge Luis Borges, wie der Germanist Markus May von der Münchner LMU herausarbeitete. Und er war poetologisch sehr reflektiert, wie Ewers in seinem Vortrag anhand des Romans "Die Unendliche Geschichte" analysierte. Dieser Roman sei ein Schlüsseltext bezüglich Endes Rezeption der Romantik; "ein Fantasy-Roman, der gleichzeitig eine Theorie der Fantasy enthält". In diesem Roman, oft zu Unrecht als Entwicklungsroman des Jungen Bastian gelesen, wolle Ende vor allem "neomythische Welten" aktivieren. In einer rationalen Moderne, die Ende kritisch sah, sei es dem Autor wie einst Novalis um die "Poetisierung einer entzauberten Welt" gegangen. Anders als die Romantiker allerdings wollte Ende die Naturwissenschaften mitsamt moderner Technik nicht gänzlich negieren, sondern durch eine neue Spiritualität ergänzen, um ein Gleichgewicht, eine "Vieldimensionalität" zu erreichen. Beeinflusst von Ansätzen des Psychologen C.G. Jung wollte er "eine Brücke zwischen bewusster und unbewusster Welt schlagen".

Interessant war die Frage, die in der Diskussion nach diesem Vortrag aufkam: Würde Michael Ende, wenn er heute noch leben würde, immer noch so schreiben - in einer Zeit überbordender Fantasy-Bilderwelten, in der ja eine Re-Mythisierung der Gesellschaft in vollem Gange ist? "Das wäre Ende wohl zuviel", glaubte Ewers. Und auch der Theologe Marco Frenschkowski war sich sicher: Ende hätte inzwischen einen realistischen Roman geschrieben.

Es scheint also an der Zeit zu sein, alte Gewissheiten über diesen Schriftsteller zu überdenken und ihn neu zu lesen. Vielleicht auch Werke wie "Die Jagd nach dem Schlarg", vom Kieler Germanisten Hans-Edwin Friedrich wieder ins Spiel gebracht. Diese Variationen zu einem Nonsensgedicht von Lewis Carroll waren 1988 ein Auftragswerk vom Intendanten August Everding zur Wiedereröffnung des Prinzregententheaters. Ein Verriss des SZ-Kritikers Joachim Kaiser sei das "Todesurteil" für das vom Publikum wohlwollend aufgenommene Stück gewesen, so Friedrich. In seinem Vortrag rehabilitierte er diesen Nonsens-Text, der in einer komplexen Reihung von Vor- und Nachworten verschachtelt ist. Außerdem verwies er einmal mehr auf "Jim Knopf": In diesem Kinderbuch erhält ja selbst der unglückliche Scheinriese Tur Tur am Ende eine Aufgabe, als Leuchtturm auf der Insel Lummerland. Was zu der Erkenntnis führte: "Auch der Nonsens hat seinen Sinn."

© SZ vom 18.02.2020
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