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Literatur:Neue Wahrheiten für die alte Au

Florian Scherzer hat einen historischen Hochstaplerroman geschrieben: "Zeppelinpost" ist im München des frühen 20. Jahrhunderts angesiedelt

MünchenCarl Dürrnheimer ist von einer grundlegenden Sorge geplagt. Er findet sein Leben langweilig. Niemand, so meint er, könne sich für ihn interessieren oder sich gar in ihn verlieben. Gleichzeitig ist Carl mit einer Gabe gesegnet: einer großen Fantasie. Sein Problem und sein Talent wirken zusammengenommen toxisch. Warum also nicht ein spannenderes Leben erfinden? "Eine gute Wahrheit", sagt einmal ein Bettler zu Carl, "ist oft wahrer als die Wahrheit. Weil sie eine gefühlte Wahrheit ist". Der Bettler übrigens ist selbst ein falscher, seine Worte, sie finden jedoch den Richtigen. Carl Dürrnheimer ist die interessant schillernde Figur in Florian Scherzers Roman "Zeppelinpost" (Hirschkäfer-Verlag), den der Münchner Autor an diesem Samstag im Valentinhaus vorstellt.

Scherzer spielte bereits in seinem 2017 erschienen Debüt "Neubayern" damit, Vertrautes zu entfremden. Nun lässt er seinen Protagonisten in "Zeppelinpost" im Verlauf des Romans seine eigene Geschichte konstruieren. Und zwar derart, dass man am Ende des Buches niemandem mehr trauen mag. Weder Carl Dürrnheimer noch Florian Scherzer. Der Figur Florian Scherzer wohlgemerkt, die der Autor in seinem Roman auftauchen lässt. Und zwar so geschickt, dass immer ein bisschen Realität dabei ist, die einen an der Wahrheit verzweifeln lässt. Ein großer Spaß. "Ich mag das gerne, ein bisschen Glatteis", sagt Scherzer. Und tatsächlich ist dies in "Zeppelinpost" durchweg zu spüren.

Der Roman ist Anfang des 20. Jahrhunderts in München angesiedelt. Carl zieht mit seinen Eltern vom Land in die Arbeitergegend Au. Das verhätschelte Einzelkind findet keinen Anschluss an die Gruppe der Arbeiterkinder, nicht einmal hänseln wollen sie den dicken Burschen. Und auch die Mädel nehmen ihn nicht wahr, erst recht nicht die schöne Burgl. Ein paar Gespräche gibt es, das war es dann schon. Zwölf Jahre später allerdings - Carl ist mittlerweile ein einsamer Jurist - erreicht ihn ein Brief von Burgl aus Brasilien, versendet mit der Zeppelinpost. Carl möchte vor ihr glänzen, erfindet für die Korrespondenz mit Burgl die Geliebte, bald Verlobte Therese, verstrickt sich immer weiter in diese Geschichte. Irgendwann bringt er seine Therese-Fiktion um - und wird in der Realität als Mörder verhaftet.

Schatzsucher am Auer Mühlbach, 1930

Der Mühlbach durchzieht das Arbeiterviertel Au. Im Roman haben die Arbeiterkinder keinerlei Interesse am Protagonisten Carl Dürrnheimer.

(Foto: Süddeutsche Zeitung Photo)

Ursprünglich, sagt Scherzer, habe er den Plot für eine Kurzgeschichte entwickelt, die in der Krimi-Anthologie "Mordsmäßig Münchnerisch 2" (Hirschkäfer-Verlag) erschien. Vergessene Münchner Orte sollen in dem Band zum Schauplatz des Verbrechens werden, im Fall von Scherzer das Valentinhaus in der Zeppelinstraße, in dem ein Großteil der Handlung spielt. Auf Anraten seines Verlegers Martin Arz habe er die Geschichte weiterentwickelt, entstanden ist daraus weniger ein Krimi als ein Hochstaplerroman, der gekonnt Historisches mit Fiktivem überschreibt.

Ein Impuls für sein Buch sei ein Artikel gewesen, sagt der 48-Jährige, der im Hauptberuf als Creative Director in der Kommunikationsbranche arbeitet. In dem Text ging es um soziale Medien wie Tinder und darum, wie stark die Menschen ihre Biografien und ihre Bilder für diese Plattformen frisieren. Da er ein paar Semester Geschichte studiert habe und immer noch historisch interessiert sei, habe er dieses Phänomen einfach zeitlich zurückdatiert, sagt Scherzer. In "Zeppelinpost" erinnert nun tatsächlich nichts mehr an Tinder. Das München während des Ersten Weltkrieges und der Weimarer Republik ist dafür umso plastischer.

Dafür hat Scherzer recherchiert, stöberte etwa in alten Ausgaben der Vossischen Zeitung, gab seinen Figuren Namen von Menschen, die Anfang des 20. Jahrhunderts in der Au lebten, fuhr ins Zeppelin-Archiv in Friedrichshafen. Und er lauschte seiner Großmutter einiges ab, die aus Obergiesing stammt und das damalige Milieu in der Au erlebt hat.

Es gibt also viel Wahres in Scherzers Geschichte, die vom Erfinden und Verfälschen handelt. Der Autor setzt auf einen leichten, plauderhaften Ton. Sein Ich-Erzähler trumpft vor dem Leser auf, ja, dieser Ich-Erzähler rechnet mit seinem Publikum, das er braucht für seinen großen Zaubertrick, ein Leben aufzuschreiben, zu dem die Lüge gehört - und das vielleicht selbst noch eine größere Lüge ist? Wer weiß das schon.

Florian Scherzer.

(Foto: Benjamin Asher)

Für die Präsentation des Romans haben sich Autor und Verlag einen Ort ausgesucht, den es im Buch und in der Realität gibt: das Geburtshaus von Karl Valentin in der Zeppelinstraße 41. Dort wird es dann vielleicht um die Wahrheit gehen, aber auch um die Au, Zeppeline und die Zwanziger- und Dreißigerjahre. Florian Scherzer übrigens arbeitet bereits an einem neuen Roman-Projekt. Es soll, so sagt er, auf Historischem beruhen. Aber komplett an die wahren Geschehnisse will er sich auch diesmal nicht halten.

Florian Scherzer: Zeppelinpost, Buchpräsentation, Samstag, 25. Januar, 18.30 Uhr, Valentinhaus, Zeppelinstraße 41, Eintritt frei

© SZ vom 25.01.2020
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