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Literatur:Leistungsschau der deutschsprachigen Kritik

Birgit Birnbacher erhält Bachmann-Preis

Birgit Birnbacher (l.) erhielt den diesjährigen Ingeborg-Bachmann-Preis für ihren Text "Der Schrank".

(Foto: dpa)
  • Der Ingeborg-Bachmann-Preis ging an die österreichische Autorin Birgit Birnbacher.
  • Birnbachers Text zieht seine Kraft zum guten Teil aus der Gegenwartsberücksichtigung.
  • Es geht darin um eine Ich-Erzählerin, die zwar Philosophie studiert hat, heute aber trotzdem nur geringfügige Jobs bekommt und deshalb in einer kleinen Sozialwohnung lebt.

Die Ästhetik wird, man hat es eigentlich geahnt, im Einkaufszentrum verteidigt. Der Bachmannpreis 2019 hatte gerade seinen ersten Tag hinter sich, als die Bürgermeisterin von Klagenfurt, Maria-Luise Mathiaschitz, in den "City Arkaden" zwischen Deichmann und "New Yorker" stand und ein paar Dutzend aufgebrachten Bürgern die Vorzüge rätselhafter Land Art erklärte. Als Kärntnerin werde man im Ausland immer zuerst auf Haider und das Hypo-Desaster angesprochen, rief Mathiaschitz mit großer Bürgermeisterinnen-Entschlossenheit in die Ladenzeile, da wäre es doch auch mal schön, wenn man auch einmal auf etwas anderes angesprochen würde, zum Beispiel eine sperrige Großinstallation.

Dazu muss man wissen: Der Kärntner Hauptmann Jörg Haider hat der Stadt ein Stadion hinterlassen, das 32 000 Zuschauer fasst, im Notfall also knapp ein Drittel der Einwohner von Klagenfurt beherbergen könnte. Zu den Zweitligaspielen von Austria Klagenfurt kommen allerdings eher um die 6 000 Zuschauer, weshalb die Stadt kürzlich den Schweizer Künstler Klaus Littmann beauftragt hat, im Wörthersee-Stadion anstelle des Fußballrasens einen Mischwald zu pflanzen, was einerseits eine glänzende Idee ist, andererseits jetzt aber diese Bürgerversammlung zur Folge hatte. Warum man denn, wollte ein Bürger wissen, unbedingt Bäume aus dem Ausland heranschaffen müsse, wenn es doch auch so viele schöne Bäume in Kärnten gebe.

Es ging also einerseits um Verständnis und andererseits die Verhältnismäßigkeit der Mittel, genau die Themen, um die in diesem Jahr ein paar Straßen weiter auch der Bachmann-Preis kreiste. Gleich zwei Autoren legten Texte vor, die sich vorgenommen hatten, real existierende Barbarei in die Literatur zu überführen. Und beide Texte spalteten auf symptomatische Weise die anwesende Kritik.

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Der Schriftsteller Martin Beyer hatte eine Geschichte dabei, in der der Ich-Erzähler als befristet beschäftigter Assistent des NS-Henkers Johann Reichhart der Hinrichtung der Mitglieder der Weißen Rose in München-Stadelheim beiwohnt. Dabei handelte es sich um eine Erzählkonstruktion, die dem Publikum in Klagenfurt seltsam vertraut vorkam. Ein argloser Ich-Erzähler, der mehr oder minder zufällig ins dunkle Herz der nationalsozialistischen Mordmaschinerie gerät und dort feststellt, dass sowohl die Mörder als auch die Opfer letztens Endes Menschen sind wie du und ich und bei dem diese Beobachtung fürderhin verschiedene Erkenntnisprozesse auslöst - darüber hatte man doch gerade erst ein ernstes Wörtchen gesprochen.

Genauso war der Spiegel-Redakteur Takis Würger in seinem Roman "Stella" vorgegangen, der von der Kritik Anfang des Jahres einigermaßen entgeistert aufgenommen wurde, sich im Buchhandel aber wacker behauptete. Auch in Klagenfurt fanden die Kritiker das Verfahren überwiegend "unerträglich" bis "obszön".

Eine Form kultureller Ausbeutung

Die Frage war dabei nicht, ob man von der Hinrichtung der Scholl-Geschwister und Christoph Probst erzählen oder es besser ganz bleiben lassen sollte. Die Frage war, ob man dem Gegenstand und seiner Repräsentationsgeschichte gerecht werden kann, wenn man ihn auf einen Gedanken reduziert, der auch in den Broschüren der Zentrale für Politische Bildung für die neunte Klasse gut aufgehoben wäre.

Oder ob es sich nicht vielmehr um eine Form kultureller Ausbeutung handelt, wenn man den Tod der antifaschistischen Widerstandskämpfer für ein marktgängiges Romanprojekt einspannt, das die Diskussion um die literarische Darstellbarkeit des Abgrunds keinen Millimeter voranbringt. Das aber so anschlussfähig ist, dass der Verdacht nicht ganz von der Hand zu weisen ist, dass die Übersetzungs- und Filmrechte beim Schreiben schon mitgedacht wurden. Und ob sich in dieser künstlerischen Entscheidung nicht ein ganz besonderer Zynismus verbirgt, den zu entblößen, statt zu internalisieren und zu perpetuieren, eigentlich die Aufgabe der Literatur wäre.

Der andere Text über die Barbarei handelte vom Genozid des IS an den Jesiden und war insofern etwas heikel, als seine Autorin, die 1993 in München geboren Ronya Othmann, selbst einen kurdisch-jesidischen Vater hat, und beide also den Völkermord nur deshalb überlebten, weil sie im August 2014 nicht in Sindschar waren, als der IS aus drei Richtungen anrückte, die Stadt einkesselte, Männer von Frauen trennte, enthauptete und vergewaltigte.