Popkolumne:Feuerwerk im Whirpool

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Darf Lil Nas X ein Gefängnis als schwules Paradies inszenieren, und schafft es John Glacier, alleine den Klimawandel aufzuhalten? Diese und andere Fragen, geklärt an den Pop-Highlights der Woche.

Von Juliane Liebert

Lil Nas X hat diese Woche ein aufsehenerregendes Musikvideo veröffentlicht. Es heißt "Industry Baby" und beginnt damit, dass er zu einer Haftstraße im "Montero State Prison" verurteilt wird. Das Montero State Prison stellt sich als eine Art schwules Paradies heraus, in dem junge, muskulöse schwarze Männer in einer langen Dusch-Tanzszene mit ihrem Heiland (Lil Nas X) Hintern und Genitalien schütteln. Keine falschen Hoffnungen, die entsprechenden Körperstellen sind zensiert. Alle tragen Rosa und sind gut gelaunt und homosexuell, bis auf Co-Star Jack Harlow — der muss mit einer Polizistin rummachen. Als Lil Nas X schließlich ausbricht, befreit er zugleich alle anderen Insassen, die ihm aus den Toren des brennendes Gefängnisses in die Freiheit folgen.

Begleitet wird das Video von einem Fundraiser für The Bail Project. Lil Nas X will Aufmerksamkeit für "die unverhältnismäßigen Auswirkungen von Bargeldkautionen auf schwarze Amerikaner" erzeugen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt wurden 50 000 Dollar gespendet. Aber der Fundraiser soll wohl auch rechtfertigen, dass Lil Nas X sein fiktives Gefängnis als eine schwule Utopie darstellt - in einem Land, in dem das Strafvollzugssystem strukturelle Gewalt gegen Schwarze ausübt. Aber gerade da setzt er an. Das Video verschiebt die althergebrachten Koordinaten des Mainstream-Hip-Hop. Und Lil Nas X beweist, dass Popmusik 2021 in Amerika besser als je funktioniert, um gesellschaftliche Auseinandersetzungen als Heldenschlachten zu stilisieren. Was einst unaussprechbar und vor allem ruftödlich war - Homosexualität - schallt in seinem Video endlich von allen Dächern. Oder in seinen eigenen Worten: "I got what they waiting for (I got what they waiting for)".

Popkolumne: undefined

John Glacier ist eine junge Frau, die sich diesen Namen gegeben hat, weil sie oft als "eisig" beschrieben wird. Ihre Musik ist nicht direkt eisig, aber auf jeden Fall so kühl wie die billigen Getränke, die sie besingt. Am Freitag erscheint ihr Debütalbum "Shiloh: Lost For Words" bei PLZ Make It Ruins / Rough Trade. Wenn man unbedingt ein Genre dafür erfinden muss, könnte man ihre Musik Bedroom-Hop nennen. Ihr Hip-Hop ist introvertiert und frickelig, stellenweise fast krautrockig. Der Track "Platoon" etwa erinnert in seinen hypnotischen Wiederholungen fast an Cosey Fanni Tuttis "Time To Tell", und das ist eine sehr gute Sache, denn Cosey Fanni Tutti plus Hip-Hop ist natürlich hochspannend. Viele Tracks sind nur eine oder zwei Minuten lang. "If Anything" beginnt mit "In a Trance / in a Trance", einem benebelten Stolpern zur Bar hin, und so fühlt man sich dann auch. Es ist in ihren Bruchstücken und Assoziationen berückende, stellenweise fast verstörende Musik. John Glacier selbst nennt das Album "egoistisch". Kann Musik egoistisch sein? Und wenn, ist sie es dann nicht immer? Wenn John Glaciers Egoismus immer solche Früchte hervorbringt, bleibt zu hoffen, dass sie noch viel egoistischer wird. Vielleicht schafft sie es dann im Alleingang, den Klimawandel aufzuhalten.

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Gar nicht kühl, sondern eher heiß aufwallend ist Yolas "Stand For Myself". Schon das Cover schreit: "Disco!" Erinnert sich jemand an die Live-Version von "I Can't Take My Eyes Off You" von Boys Town Gang - einen Song, der einem noch in den finstersten Momenten Hoffnung und Energie gibt? In seinen besten Momenten erinnert "Stand For Myself" an den Geist dieser Musik. Das Album ist cheesy und retro, die Bläser kämpfen mit den Geigen darum, wer mehr Aufmerksamkeit verdient hat, die Uh-uh-uh-Chöre tun ihr Ding, und manchmal, nur manchmal, könnte man fast vergessen, dass die Zeit die dumme Angewohnheit hat, zu vergehen. Andere Songs auf dem Album sind ein wenig zu balladig und radiotauglich, um wirklich Spaß zu machen, und rutschen dann ins "Schon tausendmal gehört und wieder vergessen"-Metier ab. Aber die Retroperfektion trägt auch dann. Und Yola hat auf jeden Fall all die Gefühle, von denen Hollywood uns immer erzählt. Wenn man böse ist, könnte man ihre Musik in einen Fahrstuhl verbannen, aber eigentlich ist sie eher ein Feuerwerk in einem Whirlpool. Garantiert nicht umweltfreundlich, aber duftend, glitzernd und in manchen Augenblicken der Seele mehr als zuträglich.

© SZ/freu
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