Bob Dylans neuer Konzertfilm:Jenseits der Zeitrechnung

Bob Dylan verkauft Songrechte an Universal Music

Sein Lockenkopf sieht im Gegenlicht mittlerweile selbst aus wie eine flüchtige Qualmwolke: Bob Dylan, hier auf einem Bild von 2012.

(Foto: Chris Pizzello/dpa)

Mit "Shadow Kingdom" heben Bob Dylan und Regisseurin Alma Har'el den Corona-Konzertstream auf ein neues Niveau.

Von Joachim Hentschel

Es hängt eine Uhr an der Wand, hinten über der Bühne in Bob Dylans neuem Konzertfilm. Und wer sich die Mühe macht und genau hinschaut, obwohl drum herum so viel Ablenkendes passiert, so viel posiert, getanzt und geblendet wird, dem wird auffallen: Auf dieser Uhr ist es immer elf Minuten nach zehn. Während der gesamten knappen Stunde, die das Happening andauert.

Und weil es bekanntlich keine Zufälle gibt, nicht in einem Setting wie diesem und gar niemals bei einem Künstler wie Dylan, kann das nur eines bedeuten. Wir befinden uns hier, am Schauplatz der Show, die den Titel "Shadow Kingdom" trägt, jenseits der Zeitrechnung. In einer Dimension, in der die Uhren irgendwie anders laufen, zumindest nicht vorwärts. Vielleicht sogar jenseits des Raumes. Am Ende des Films wird als Drehort jedenfalls der Bon Bon Club in Marseille angegeben. Als wir das letzte Mal nachgeschaut haben, gab es in Marseille keinen Bon Bon Club.

"Shadow Kingdom" wurde Mitte Juni als Streaming-Event angekündigt, an dem man über die bei uns kaum bekannte Plattform Veeps teilnehmen könne. 25 Dollar sollte ein Log-in-Ticket kosten. Man verstand das als Ersatz für die vielen Konzerte, die Bob Dylan in den vergangenen gut anderthalb Jahren eben nicht gegeben hat.

Bei einem wie ihm, der ansonsten eigentlich immer auf Tour ist, war die Pandemiepause seit Ende 2019 am deutlichsten zu spüren. Vor allem, weil Dylan bei Blödsinn wie dem virtuellen "One World: Together at Home"-Festival, bei dem sich Stars aus ihren Waschküchen und Ziergärten zuschalteten, natürlich nicht mitmachte. Und weil er im Juni 2020 auch noch "Rough and Rowdy Ways" veröffentlichte, eines seiner seit Langem besten und konzisesten Alben. Eine Platte, die förmlich danach zu lechzen schien, endlich live von der Rampe gedonnert zu werden.

Dylan zeigt immer wieder, wie sehr man selbst als notorische lebende Legende auf der Höhe der Zeit bleibt

Umso größer war bei vielen die Enttäuschung, als sie es in der Nacht vom vergangenen Sonntag auf Montag realisierten, pünktlich nach dem weltsimultanen Start des Streams: "Shadow Kingdom" war kein Echtzeit-Konzert. Nicht mal eine abgefilmte Live-Performance. Offenbar hatte Dylan mit seiner Band einige alte Songs im Studio neu eingespielt. Die Aufnahmen wurden dann als Playback benutzt, um mehrere Konzertszenen zu untermalen, die die Musiker für die Kameras nachstellten.

Kurz gesagt: Es ist nicht mehr als ein einstündiges Musikvideo. Aber, und das kann man vorweg postulieren: ein spektakulär gutes.

Mit Bob Dylan, dem eben 80 gewordenen Nobelpreisträger, Songwriting-Neuerfinder und unerschöpflichen Bühnenkapellmeister, ist es ja nicht so einfach. Die einen beschweren sich darüber, dass die anderen ihre Meta-Diskurse immer gleich bändeweise auspacken, sobald der Alte bloß mal irgendwo in Iowa ein 50 Jahre altes Lied ins Mikrofon krächzt. Die Klage kann man nachvollziehen. Andererseits, und das muss man ebenfalls sehen, erweisen sich die Tiefendeutungen bei Dylan in den meisten Fällen als absolut gerechtfertigt.

Er hat ja auch zuletzt immer wieder gezeigt, wie sehr man selbst als notorische lebende Legende auf der Höhe der Zeit bleiben kann. Wie viele Möglichkeiten es gibt, das eigene Werk clever und schichtenscharf neu zu inszenieren, um es genau auf diese Art am Leben zu halten. In Dylans Welt ist Musik eine ewige Performance-Kultur, reine, agile Aktionskunst. Die nur deshalb ab und zu auf Platten gepresst oder in Files gespeichert wird, damit die Leute später auch wirklich zu den Shows kommen.

Sie saufen, sie rauchen, schon da wird es grandios surreal

Was man in "Shadow Kingdom" sieht: Eine Band gibt ein Spelunkenkonzert. Die Szenerie ist kontrastreich schwarz-weiß, die Musizierenden tragen Masken, mehr Zorro als Corona. Nur Dylan schaut und singt in die Kamera, während eine Handvoll Zuhörerinnen und Zuhörer an den Tischen hockt. Sie saufen, rauchen, schon da wird es grandios surreal. Das Licht bricht sich im Qualm, in den irrwitzigen Wolken, die hier ausgeatmet werden. Die vornehmen Ladies und vierschrötigen Kerle beleuchten mit ihrem Gepaffe den Raum. Das ist gleich vom Start weg so viel mehr expressionistische Filmkunst, als es jemals MTV-Kram sein könnte.

Alma Har'el führte Regie, eine in Israel geborene Amerikanerin, die man höchstens von ein paar versprengten Videos kennt. Auch die Filmband ist für Dylans Verhältnisse jung, unter anderem mit dem Big-Thief-Gitarristen Buck Meek und dem Jazz-Nachwuchsstar Joshua Crumbly. Der jüngste Song auf der Setlist stammt von 1989, also nicht mal was vom neuen Album. Wenn es immer 10 Uhr 11 ist, muss man wohl auch Jahreszahlen anders jonglieren.

Dafür haben sie sich extra die Mühe gemacht, der Show zuliebe einen großartigen, völlig neuen Sound zu erfinden. Stücke wie "Queen Jane Approximately", "I'll Be Your Baby Tonight" oder "Forever Young" schillern, glänzen, heben plötzlich ab. Es gibt kein Schlagzeug und swingt trotzdem, riecht abwechselnd nach Jahrmarkt, mit Samt ausgeschlagenem Theater und Juke Joint. Als hätten der Meister und die Truppe die gesammelten Tanzmusiken der US-amerikanischen Prä-Pop-Ära, von Zydeco bis Rockabilly, im großen Zigarettenpapier zusammengerollt und einmal glimmend rumgehen lassen. So hat "Shadow Kingdom" sogar das Potenzial, auch die Leute mit Dylan zu versöhnen, denen er in den vergangenen Jahrzehnten einfach zu sehr gerumpelt hat.

Wenn schon virtuell, dann soll bitte alles auch schön der Traumlogik folgen

Aber der ästhetische Triumph fällt noch höher aus. Denn Dylan und seine Regisseurin haben hier einfach mal den Corona-Konzertstream, dieses zwangsgeborene, optisch und konzeptionell in der Regel so liederliche Genre, auf ein völlig neues ästhetisches Niveau gehoben. Was man spätestens dann merkt, wenn Alma Har'el die Band zwischendurch raus aus der Kneipe und rein in ein magisches Zimmer verfrachtet, ein Limbo-Universum mit Schachbrettboden und Doktor-Caligari-Vorhängen. Wenn sie dem Sänger eine Szene später zwei odysseische Musen zur Seite stellt, die ihm freundlicherweise auch den Staub von der Jackettschulter wischen. Plötzlich dreht sich in der Kaschemme dann eine psychedelische Lichtspirale, die Apathiker von vorhin erheben sich, beginnen einen ebenso ausgelassenen wie leicht schaurigen Ringelpiez. Und applaudieren am Ende lautlos, denn die Stille auf dem Playbackband übertönt alles.

Wenn ein Konzert schon virtuell ist, dann bitte gleich richtig - das scheint uns "Shadow Kingdom" zu sagen. Dann soll das Geschehen auch konsequent der Traumlogik folgen, den Regeln der Imagination. Dann soll die Show zu alldem fähig sein, zu all der Verfremdung und abstrusen Lichtpunktsetzung, die nur möglich sind, solange wir sie nicht in echt besuchen können. Idealerweise soll im Stream ja nicht nur die Zeit aus den Fugen geraten. Sondern auch jedes andere Gesetz der narrativen Filmsemiotik.

Dass Bob Dylans Lockenkopf im Gegenlicht ja selbst wie eine flüchtige Qualmwolke aussieht, das fällt einem sowieso erst auf, wenn nach "Baby Blue" schon alles vorbei ist.

"Shadow Kingdom" ist noch bis Sonntagmorgen um 9 Uhr (deutsche Zeit) über Bobdylan.veeps.com abrufbar. Die Chance, dass es bald auf Bildträger veröffentlicht wird, dürfte hoch sein.

© SZ/alex
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