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"Lieber Antoine als gar keinen Ärger" im Kino:Es war falsch, aber es war schön

Filmstill

Damien Bonnard und Adèle Haenel in der Geisterbahn.

(Foto: Neue Visionen)

Die französische Tragikomödie "Lieber Antoine als gar keinen Ärger" über einen Betrugsfall bei der Polizei brilliert mit einem der vertracktesten und schönsten Kinomomente der letzten Jahre.

Es ist ein märchenhafter Job, Polizeidienst in einer kleinen Stadt am Mittelmeer. Was man als Kriminaler nicht alles erzählt bekommt, bei den ersten Vernehmungen an den Schreibtischen im Präsidium, wenn die Eindrücke noch frisch sind.

All die Menschen, die bei einer Razzia in einem Sadomasoclub erwischt wurden und die nun, noch in Ledermontur und mit Masken auf dem Kopf, den Polizisten ihre Geschichten erzählen. In aller Unschuld, versichern sie, natürlich mit der gebührenden Naivitätsmiene.

Ihre Narrative, so heißt das inzwischen auch außerhalb der wissenschaftlichen Diskurse - Narrative der Spießigkeit, mit denen das Unberechenbare in Rechnung gestellt, das Leben in seiner Normalität gestützt und geschützt werden soll.

Auch auf der anderen Seite der Schreibtische werden Narrative fabriziert, bei den Polizisten. Kommissarin Yvonne Santi zum Beispiel, tragisch zur alleinerziehenden Mutter geworden - ihr Mann ist bei einem Einsatz ums Leben gekommen - der Capitaine Jean Santi.

Die Stadt ehrt sein Andenken, indem sie zu Beginn des Films ein Denkmal für ihn enthüllt, finster und mit erigiertem Schussarm. Nichts stimmt an dieser Figur, moniert Yvonne sarkastisch, nur die Waffe. Auch sie bleibt Santi über den Tod hinaus verpflichtet, verklärt allabendlich seine Heldentaten am Bett des kleinen Sohnes, und das Kino führt uns diese Fantasien alle vor, mit den furiosen Mitteln des brutalen Actionkinos.

Die Fantasien des Jungen, der Mutter? Eine Ode an die Fiktion hat Regisseur Piere Salvadori den Film genannt, eine Geschichte, die von der Bedeutung der Geschichten erzählt.

Plötzlich fängt das Bild des Helden zu splittern an, die Zähne werden ihm ausgeschlagen

Adèle Haenel ist Yvonne, sie war vor ein paar Jahren in "Die Blumen von gestern" von Chris Kraus und am kommenden Donnerstag wird ihr neuer Film bei uns starten, "Porträt einer jungen Frau in Flammen" von Céline Sciamma.

Haenel ist in "Lieber Antoine als gar keinen Ärger", der im Original "En liberté!" heißt, sensibel und draufgängerisch, verletzlich und verstört, auch auf eine sehr komische Weise.

Sie will zurück auf die Straße, in den aktiven Dienst, nachdem man sie nach dem Tod des Capitaine schonend zum Bürodienst abkommandierte. Aber dann kriegt sie, zufällig, ein ganz anderes Narrativ bezüglich ihres Mannes mit, die fiese Rückseite der Heldengeschichte. Korruption! Bei der Aufklärung eines Überfalls auf ein Juweliergeschäft, der vom Besitzer selbst inszeniert war, hat der Mann dann mit diesem gemeinsame Sache gemacht, einen Teil der Beute kassiert - darunter der Hochzeitsring für die Frau. Und: ein Unschuldiger musste dafür ins Gefängnis, für acht Jahre.

Ein schrecklicher Prozess des Fremdschämens setzt ein, das Bild des Helden in den Gute-Nacht-Fantasien splittert immer mehr von Abend zu Abend, die Zähne werden ihm ausgeschlagen.

Lieber Arschloch als Opfer

Antoine (Pio Marmaï), der für den Juwelenraub unschuldig acht Jahre im Gefängnis war, kommt dann frei, stolpert in die normale Welt zurück, für die er nicht mehr fit ist. Obsession. Depression. Und eine simple Ökonomie: Lieber Arschloch als Opfer. All das, wofür er durch die acht Jahre bereits bezahlt hat, wird er sich nun erfüllen. Yvonne heftet sich an Antoines Fersen, will ihm helfen, will aktiv werden. Sie wird Zeuge, wie Antoine am Tag der Entlassung nach Hause zurückkehrt, zu seiner Frau Agnès. Du bist zu früh, sagt sie, sie ist mit dem Hausputz noch nicht fertig.

Audrey Tautou ist Agnès, und wie sie die Wiederkehr des geliebten Mannes inszeniert, gehört zu den vertracktesten, schönsten Kinomomenten der letzten Jahre. Sie schickt Antoine zurück zur Gartentür und lässt ihn noch einmal an die Haustür herangehen ...

Pierre Salvadori kümmert die ganze komplizierte Geschichte und ihre Dramaturgie wenig, ein gruseliges Männchen, das immer wieder im Präsidium vorspricht und von seinen Mordtaten erzählt, wird immer weiter links stehen gelassen, von Mal zu Mal hat er mehr Plastiktüten dabei, um seine Taten anschaulich zu beweisen ... Salvadori will Kino als reine Inszenierung, als Rhythmus und Musikalität, die Musik des Actionfilms. Ganz in der Tradition des klassischen amerikanischen Kinos, orientiert an den Filmen von Ernst Lubitsch. "Mein Kumpel, mein Bruder!"

Wie bei Lubitsch sind auch hier die Zuschauer in jeder Szene implizit mit eingebaut, ihre Reaktionen, ihre Reflexionen. Und es klingt wie eine bewährte Lubitschformel, wenn es am Ende heißt: C'était faux, mais c'était beau. Es war falsch und fake, aber es war schön.

En liberté!, F 2019 - Regie: Pierre Salvadori. Buch: Benjamin Charbit, Benoît Graffin, Pierre Salvadori. Kamera: Julien Poupard. Musik: Camille Bazbaz. Schnitt: Isabelle Devinck, Julie Lena, Géraldine Mangenot. Mit: Adèle Haenel, Pio Marmaï, Audrey Tautou, Damien Bonnard, Vincent Elbaz, Hocine Choutri, Octave Bossuet. Neue Visionen, 108 Minuten.

© SZ vom 24.10.2019

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