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"Leben gegen die Zeit" im Kino:Würden Sie mich kurz ans Piano tragen?

Er war nur knapp einen Meter groß und konnte erst mit 25 Jahren laufen - doch vielleicht wurde Michel Petrucciani gerade wegen seiner Glasknochen zum genialen Pianisten. Eine packende Filmbiographie zeichnet nun sein kurzes Leben nach, das von Drogen, Frauengeschichten und dem Mythos des Jazz geprägt war.

Doris Kuhn

Der Anfang, ein Klassiker: ein Mann humpelt auf die Bühne, rundherum desinteressierte Deko-Arbeiter, er schlägt sich zum Flügel durch und probiert kurz den Anschlag. Dann beginnt er zu spielen, wie Flügelschlag stieben seine Finger über die Tasten, und sein Spiel ist so, dass man erkennt, hier könnte gleich Außerordentliches folgen. So wird man aufgeweckt am Beginn des Dokumentarfilms "Michel Petrucciani - Leben gegen die Zeit", und Außerordentliches folgt in der Tat, auf unterschiedlichsten Ebenen.

FILE PHOTO OF FRENCH PIANIST MICHEL PETRUCCIANI WHO DIED

Michel Petrucciani im Juli 1998 beim Montreux Jazz Festival in der Schweiz. Der Pianist war ein Mann der Frauen und Frauen liebten seinen Punk. Der Franzose, der zeitlebens gegen die Glasknochenkrankheit kämpfte, lebte ein Künstlerleben mit allem, was dazugehört.

(Foto: REUTERS)

Der Mann allein verdient schon einen wachen Blick, denn er ist klein, verwachsen, er bewegt sich unter sichtlichen Schmerzen auf zwei Krücken, und er zeigt dazu das heiterste Grinsen der Dekade - es dürfte sich da um die 1990er Jahre handeln. Bevor man dann zu weit in Spekulationen über Klavierspiel und Wuchs des Mannes gerät, schwenkt der Film ab und beantwortet die dringlichsten Fragen.

So erfährt man dann von Michel Petruccianis Glasknochenkrankheit, die dazu führte, dass jeder seiner Knochen häufig brach, die ihn nur knapp einen Meter groß werden ließ. In Interviews mit Verwandten und Freunden des Pianisten wird darüber gesprochen, wie Petrucciani als Kind Klavierspielen lernte: Er saß im ersten Stock des elterlichen Hauses, auf eigenen Beinen konnte er erst mit 25 Jahren laufen, und er musste üben, tagein, tagaus. Zur Schule, darin war man sich in der Familie einig, brauchte man dieses Kind nicht schicken, lieber sollte es Klavier üben, von morgens bis abends, immerzu.

Dann erzählt Petrucciani, dass er mit Fingerübungen und klassischer Musik zwölf Jahre alt werden musste, bevor er zum ersten Mal tun durfte, was er sich selber wünschte - einen Bluesakkord spielen nämlich, und er weiß noch genau, welcher Akkord das war. Spätestens an diesem Punkt stellt sich eine gewisse Irritation ein. Man bemerkt, dass der Film nicht nur eine Geschichte erzählt.

Hinter der vordergründig lobenden Musikerbiographie, die durch keinerlei Kommentar eine Deutung suggeriert, schält sich etwas anderes heraus: Die Art der Montage, die Nebensätze, die bei den Interviews fallen - all das führt weg von ihrem jovialen Tonfall einer Starporträts, hin zu den finsteren Seiten im Leben Petruccianis. Seine Kindheit, soviel kann man aus der Bluesakkord-Geschichte schließen, dürfte kein Spaß gewesen sein - und nicht nur wegen der Glasknochen.

Die finsteren Seiten der Begabung

Dieser entlarvende Blick wird beibehalten, auch wenn es um Petrucciani selbst geht, um den Hippie, um den Liebhaber, um den Jazzer, der die finsteren Seiten der Begabung später selbst erkunden wird - um all das auszuprobieren, was ein Musikerleben der Legende nach zu formen hat. Dass der Film den Mann in so interessanten Facetten zeigen kann, dass Irrsinn und Bosheit nicht völlig hinter Höflichkeiten Floskeln verschwinden, liegt zum einen Teil an dem Milieu, in dem er spielt.

Denn die Jazzmusiker, die von ihrem Freund Petrucciani erzählen, legen in Gespräch und Gelächter sichtlich mehr Unerschrockenheit an den Tag als andere Menschen, die vor eine Kamera gezerrt werden. Zum zweiten Teil liegt es am Regisseur. Der Brite Michael Radford drehte "Michel Petrucciani" nicht als "labour of love", als Fanfilm für einen seiner Helden. Er stieß von außen zu dem Projekt, ohne Petrucciani zu dessen Lebzeiten gekannt zu haben - was seine Aufmerksamkeit nur geschärft haben dürfte.

Petrucciani jedenfalls beginnt mit dreizehn Jahren, an seiner Karriere zu arbeiten. Er will Jazzpianist werden, er kennt den Mythos des Jazz, und er will daran teilhaben, bevor dessen bereits verblassender Glanz ganz erlischt. Also gibt Petrucciani sich - und der Film uns - den Musikermythos in voller Breitseite.

Bizarre Note und exotisches Flair

Praktisch alles, was man zu dem Thema kennt, kennt man auch von Petrucciani: Für sein erstes Jazzkonzert lässt er sich aus dem Zuschauerraum spontan ans Klavier tragen, als dem bekannten Trompeter Clark Terry der Pianist ausfällt - und erspielt sich die ersten Zeitungsartikel.

1982 geht er nach Big Sur in Kalifornien, wo sich von Jack Kerouac bis Hunter S. Thompson alle ihre Bewusstseinserweiterung besorgt haben, er holt dort den einstmals berühmten, damals aber nur noch meditierenden Saxophonisten Charles Lloyd zurück in die Musik, er heiratet.

Es ist von Big Sur viel Archivmaterial zu sehen, darunter eine der besten Szenen des Films. Sie zeigt, dass die schlimmsten Annahmen über Hippies keineswegs Hirngespinste sind. Weiße Frauen in langen Gewändern tanzen da experimentell zu experimentellem Jazz - man hätte es wissen müssen, dass es so etwas nicht nur als Parodie gab.

Auch sieht man Petruccianis Ehefrau, die erste von vielen. Im weiteren Verlauf seines Lebens wird der Mann Frauen wie Wegwerfhandtücher benutzen - seine Anziehungskraft auf das andere Geschlecht aber wird von allen Seiten glaubhaft bestätigt. Das gibt dem Film eine großartig bizarre Note mehr - man darf nicht vergessen, dass dieser Mann den Damen gerade bis zur Hüfte reichte, dass sie ihn auf dem Arm mitführen mussten.

Natürlich sorgt genau die Behinderung Petruccianis für das exotische Flair des Films. Würde er von einem hochgewachsenen Mann ohne Schmerzen handeln, sähe man dessen Klavierspiel vielleicht nicht ganz so beeindruckt zu.

Mit Freude, und ganz ohne Reue

Ob aber Petrucciani zu Ruhm kam, weil seine Hände über alle Hindernisse hinwegspielten, oder ob er tatsächlich ein Künstler war, dessen Inspiration die Musik selbst verwandeln konnte - das wird auch von seinen Freunden nicht schlüssig beantwortet. Wovon sie reden, durchgehend amüsant, sind Drogen, Affären, Konzerte, die ein neues Bild Petruccianis zeichnen - als das eines Mannes, der sich rückhaltlos allem hingab, was die noch dreckigen Städte und die noch dreckige Zeit ihm bot, mit Freude, und ganz ohne Reue.

Er wusste warum. Er wurde nur 36 Jahre alt. Man hat ihn 1999 auf dem Friedhof Père Lachaise begraben, neben Frédéric Chopin. Das ist vielleicht ein bisschen hoch gegriffen. Aber wenn ein kleiner Mann seinen großen Aufritt so zäh erkämpft hat wie Michel Petrucciani, dann sollte er auch einen großen Abgang haben dürfen.

MICHEL PETRUCCIANI - LEBEN GEGEN DIE ZEIT. D/F/It 2011 - Regie: Michael Radford. Länge: 103 Min. Polyband Medien.

© SZ vom 12.12.2011/pak
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