Kurzkritik Zeichenkörper

Zufit Simons neues Tanzstück im Schwere Reiter uraufgeführt

Von Sabine Leucht

"Körper in Ausdehnung, zum Bersten gespannt": Eine Szene in Zufit Simons "Strange Foreign Bodies" wirkt, als habe sie das, was Jean-Luc Nancy zu den "58 Indizien über den Körper" zählt, als Kommando gelesen: Simon sitzt auf ihrem Hintern, ihre Bauchmuskeln halten Ober- und Unterkörper in der Schwebe und etwas zieht beides auseinander. Wäre ihr Körper ein Seil, ein "Bersten" wäre möglich. Doch ein Tanzabend ist keine Streckbank; die auf den Körper wirkende Kraft kommt von Innen. Also bleibt er heil und macht sich bereit für die nächste Szene.

Ein paar Schritte zum Rand der Spielfläche im Schwere Reiter gehen, sich setzen, schauen, erneut einsteigen: So geht das hier, wo offenbar eher eine Liste abgearbeitet als ein szenischer Ablauf organisiert werden will. Schließlich tritt der Abend als Bewegungsrecherche an, nicht als Stück. Nancys Definition von Denken als "Geste und Erfahrung", die ihn zum Lieblingsphilosophen des zeitgenössischen Tanzes gemacht hat, scheint wie für die in Israel geborene Choreografin geschrieben, deren ältere Arbeiten oft so stur wie gewitzt in die Räume zwischen Bewegung, Denken und Gefühl vorstießen und konstruktive semantische Verwirrung stifteten. Doch hier, wo auch Simons Mittänzerinnen Lois Alexander und Clarissa Rêgo mitchoreografiert haben, scheint zunächst viel Bekanntes auf: Das Atmen aller, das Vibrieren und Pulsieren des ganzen Körpers und das nüchterne Ausprobieren von Stellungen, in die alle drei Tänzerinnen einzeln oder unisono schnellen, plumpsen oder ruckeln wie in isolierte Bilder einer Film-Sequenz.

Die besten Passagen bewirken momentweise Wahrnehmungsverschiebungen zwischen dem Körper, der hier ein Muttermal, dort Speckröllchen hat und sich, wie Nancy sagt, von allen anderen Körpern unterscheidet - sogar von sich selbst - und als quasi neutrales Zeichen. Etwas irritierend Drittes gelingt Lois Alexander, die in der Vorbeuge ihre Schultern kreisen lässt, bis man diese förmlich denken, zweifeln, zwinkern sieht. Und dennoch bleibt der Abend als ganzer etüdenhaft, ein "Rechercheprojekt" ohne dramaturgische Stringenz.