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Kurzkritik:Zauberkino

Reinigers Film mit Garcia-Fons' Musik

Zauberhaft, auf diesen einfachen Nenner kann man bringen, was am Donnerstagabend im Foyer der Versicherungskammer Bayern in der von Barbara Schulte immer außergewöhnlich bestückten Konzertreihe der Kulturstiftung der Versicherungskammer zu erleben war. Dies gilt natürlich zuallererst für Lotte Reinigers Film "Die Abenteuer des Prinzen Achmed" aus dem Jahr 1926, den man dort wieder einmal sehen konnte. Dieser älteste erhaltene Animations-Langfilm vermag auch bald 100 Jahre nach seiner Entstehung - Reiniger und ihr Team arbeiteten ja von 1923 an drei Jahre lang daran, die über 100 000 Scherenschnitte zum Laufen zu bringen -, seine Zuschauer zu verzaubern; mit zeitloser Poesie und Kreativität, dank der die Silhouetten eine erstaunliche Ausdruckskraft entwickeln.

Wenn die eingefärbten - es war ein Stummfilm, kein Schwarz-Weiß-Film -, durch übereinandergelegte Folien generierten Hintergründe Sturm- oder Kampfszenen dramatisch aufladen, wenn gebrochene, vibrierende Schattenlinien perfekt eine Wasseroberfläche imitieren, dann wirkt diese schlichte Tricktechnik immer noch modern. Und selbst die aus "1001 Nacht" entlehnte Geschichte um den Kampf des Prinzen, seiner Prinzessin und einer guten Hexe gegen den bösen Zauberer wird in 66 Minuten so flott erzählt, dass man nie abschweift - selbst wenn die arabischen und chinesischen Sujets nicht mehr so exotisch sind wie einst.

Das andere unwiderstehliche Kunststück war freilich die live dazu gespielte Musik des Kontrabass-Zauberers Renaud Garcia-Fons und seines erlesenen Sextetts. Ein Oscar-reifer Filmmusiker ist an dem Improvisator verloren gegangen. Sein ausgeschriebener Score stellt sich ganz in den Dienst des Films, übersetzt Rhythmus und Stimmungen der Bilder exakt in musikalische Parallelen und verstärkt mit der ungewöhnlichen Instrumentierung (unter anderem Vibrafon, Theorbe, Flöte und Tabla) den exotischen Reiz ungemein.

© SZ vom 15.02.2020
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