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Kurzkritik:Wunderkasten

Das Ensemble New Babylon, Peter Pichler und das Trautonium

Wenn man wissen will, wie ein Trautonium klingt, dann fragt man am besten Peter Pichler, der zeigt es einem dann. Pichler ist seit geraumer Zeit vernarrt in dieses Ding, das in den ganz späten Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts erfunden wurde, in Berlin, das damals in vielerlei Hinsicht die Hauptstadt der Zukunft war. Passt. Das Trautonium ist eine Art Ur-Synthesizer, erbaut von Friedrich Trautwein, gespielt von Oskar Sala, mit Kompositionen gefüttert von Paul Hindemith. Oder auch von Harald Genzmer; mit dessen Trautonium-Kompositionen hat Pichler bereits eine CD aufgenommen. Jüngst war er übrigens in Australien mit dem fiependen, grollenden, schnaufenden Wunderkasten auf Tour gewesen; die CD, die Pichler davon mitbrachte, ist eine fabelhafte Mixtur aus Karneval, Volksfest, Avantgarde, und auch Pichlers eigene Vergangenheit mit der Band No Goods schimmert hindurch.

Nun verliebte sich das Bremer Ensemble New Babylon gleichermaßen in das Instrument, das, bevor die Nazis an die Macht kamen, eine glänzende Zukunft als frühes Techno-Heimstudio für jeden hätte haben können, und gab Kompositionen in Auftrag. Im Einstein, dessen Eingangsbereich an diesem Abend wieder riecht wie eine Biomülltonne, konnte man die hören, neben einem zauberhaften Konzertstück von Hindemith, ein paar Stücken von Genzmer sowie Pichlers Einführung. Großartig Dganit Elyakims - geboren 1977 in Israel - narrative Musikwaschmaschine "Plagia-Rhythm" zwischen Volksmusik und Kinoscore. Beeindruckend im Ausloten von Klang und Konsequenz ist "Tristia" von Snežana Nešić, verspielt und eher undurchschaubar: "Missed extinction" von Alexander F. Müller. Alle drei Neukompositionen schreiben exakt die Klangfilter vor - Sirren, Brummen, Orgeln oder einfach Klang leben wie ein Organismus -, bauen das Trautonium in den Ensembleklang ein, spielen mit dessen freier Aura der nicht domestizierten, nicht temperierten Stimmung. Aufregend.