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Kurzkritik:Liebe zum Detail

Pianist Igor Levit und das BR-Symphonieorchester

Binnen weniger Jahre ist Igor Levit vom Geheimtipp zum Star geworden. Dementsprechend wirkt er nun, wenn er mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Iván Fischer im Herkulessaal Mozarts Es-Dur-Klavierkonzert, KV 482, spielt, sehr viel sicherer in seiner Kunst als noch zu Beginn seiner Karriere. Seine ungeheure Technik und Anschlagsvielfalt ist nun mehr wirklich ein Mittel zum Zweck der Musik.

Insbesondere bei Mozart. Dessen Musik setzt er unter die ständige Spannung von gegensätzlichen Ausdrucksweisen. Für so etwas braucht man viel künstlerisches Gespür und Mut, weil die ständigen Gegensätze die jeweiligen Extreme auch verstärken können und dann die Musik schnell plump wirkt. Das Orchester spielt unter Fischer klar und unkapriziös. Levit nimmt seinen ersten Einstieg samten und geschmeidig, aber mit einem metallischen Ton in der Oberstimme. Viel Liebe zum Detail trifft in seinem Spiel auf Liebe zur Stimmungsvielfalt. Im Andante klingt sein Spiel kurz als suche er Bachsche Polyphonie in Mozarts Noten, das Staccato-Thema des Rondos spielt er keck hüpfend, ein wenig schmunzelnd, so als würde er eine etwas zu heiße Kartoffel anfassen. Am Ende aber wirkt es plötzlich fragend. Und als diese Stimmungswechsel allmählich zu einer Art Gleichzeitigkeit von Verspieltem und Ernst, von Koketterie und Eleganz verschwimmen, dann erklingt Mozart in seiner ganzen musikalisch-universalen Genialität.

In Tschaikowskis dramatischer Symphonie Nr. 4 zeigt Fischer das Orchester anschließend als scharf schneidende Präzisionsmaschine. Die Bühne ist voll, die Musik klingt an der oberen Lautstärke- und Tempogrenze. Rasende Streicher, schwirrend synchron, jedes Absetzen sitzt, jede Pause stimmt, und der Raum scheint schier zu bersten, mit so viel Nachdruck formen Fischer und das Orchester Tschaikowskis überbordendes emotionales Wollen aus.

© SZ vom 18.01.2020
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