Kurzkritik:Geschlossene Gesellschaft

Der Konsul

Kämpferin für eine menschlichere Welt: Sally du Randt (Mitte) zeichnet ihre Magda Sorel mit schauspielerischer Dringlichkeit.

(Foto: Jan-Pieter Fuhr)

Gian Carlo Menottis "Der Konsul" am Staatstheater Augsburg

Von Paul Schäufele, Augsburg

Auch wenn der harte Rhythmus der Schreibmaschinen weicheren Tastaturanschlägen gewichen ist: In Gian Carlo Menottis "Der Konsul" sitzen die Vertriebenen und Hoffnungslosen noch immer im Wartesaal, dem Regime der Verordnungen ausgesetzt, der Macht des Papiers unterworfen. Das Konsulat, das Menotti sich ausgedacht hat, passt gut auf die Ausweichspielstätte am Martinipark des Staatstheaters Augsburg. Die direkte, überschaubare Optik gewährt Einblick in das geschlossene System, in das sich eine Störung einschleicht.

Sally du Randt als Magda Sorel kämpft für ihren politisch verfolgten Mann John (überzeugend abgehetzt: Wiard Witholt), dem die Geheimpolizei zu schaffen macht, bullenhaft verkörpert von Stanislav Sergeev. Mit Sopran-Intensität und schauspielerischer Dringlichkeit stemmt sie sich gegen die Praxis, nach der Menschen zu Fällen werden und Namen zu Nummern. Kontaktstelle zum ewig unsichtbaren Konsul ist die Sekretärin mit der Haarwelle aus Stahl und dem No-Nonsense-Bleistiftrock, der Natalya Boeva so passgenau sitzt wie diese Rolle. Diese Sekretärin ist nicht nur die Figuration der sonst anonymen Bürokratie, sondern bewegt sich in Boevas stimmgewaltiger Darstellung zwischen stirnrunzelndem Office-Girl und Königin der Stempelkissen. Flankiert werden die starken Frauen von einem mit Sinn fürs Groteske inszenierten Ensemble an Randfiguren, etwa der verzweifelten Italienerin (mit Mamma-Mirácoli-hafter Körperlichkeit: Elene Khonelidze) oder dem rührigen Zauberer Magadoff, der durch Roman Poboinyis nasalen Tenor das nötige Moment an Comic relief herstellt. Und ein komisches Ventil braucht es auch, angesichts der Musik, die mit ihrem Filmmusik-Grusel und rosenkavalereskem Charme den Geist der Fünfzigerjahre atmet.

Die Augsburger Philharmoniker unter Ivan Demidov nehmen sich in ihrem Pathos nicht zurück, unterstützen Magda Sorels Vision einer Welt ohne Grenzen. Doch sie ist nicht die erste, andere kampieren schon neben dem Stacheldrahtzaun hinter dem Konsulat. "Open the borders" steht auf einem Transparent. Das ist eine der naheliegenden Referenzen, die Antje Schupp in ihre Inszenierung integriert. Nachdem sich Magda Sorel eingesteht, wie wenig das Individuum im Kampf gegen eine gesichtslose Behörde ausrichten kann, versammelt sich ihr Begrüßungschor aus Toten um ein voll besetztes Boot - Charon vor Lampedusa. Das Schlusstableau: Die Bösen schütteln sich vor einer EU-Flagge die Hände. Viel konkreter scheint da ein Detail zu Beginn des Stücks zu sein: Wenn Magda Sorel dem Amt ihre Lage schildert, sind die anderen Gefangenen des Wartesaals mit ihren Smartphones beschäftigt. Und damit hat Schupp das Sujet der Parabel ins Bild übersetzt: den Solipsismus der Leidenden, den abgelenkten Blick.

© SZ vom 03.02.2020
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