Kurzkritik Feine Detailarbeit

Die Philharmoniker und Anja Harteros

Von Paul Schäufele

Wenn Valery Gergiev die Münchner Philharmoniker den Klanggrund zu Gustav Mahlers Rückert-Liedern ausbreiten lässt, zeigen sie sich kammermusikalisch zurückhaltend, jedem der fünf Lieder diskret Charakter verleihend. Darüber schwebt Anja Harteros' zart melancholischer Sopran, auch im leisen Bereich voll und durchdringend. Geübt in dramaturgischer Gestaltung, findet sie Ausdrucksmöglichkeiten zwischen der humorvollen Naivität von "Blicke mir nicht in die Lieder" und der opernhaften Expressivität etwa von "Liebst du um Schönheit". Dabei verfällt Harteros nie darauf, Kontraste und Brüche zu forcieren, sie präsentiert die Lieder entspannt und natürlich. Das passt gut zu Gergievs durch feine Detailarbeit bestechender Interpretation des Orchesterparts.

Nach der Pause hört sich das anders an. Für Bruckners fünfte Symphonie, die "phantastische", die kontrapunktisch vertrackteste, wählt Gergiev einen Zugang, der die innere Einheit des Riesenwerks in den Vordergrund rückt. Zwar handelt es sich dabei vor allem um thematisch-motivische Verwandtschaften und Wiederholungen, doch Gergiev sucht auch klangliche Homogenität herzustellen. Mit der vibrierenden Linken wird aufgeweicht, eingedunkelt, die Zerklüftungen der Partitur eingeebnet. Das ist ein legitimes Verfahren, doch die Mittelsätze wirken dadurch stellenweise blutleer, die Pausen spannungsarm. Mit neuem Interesse nimmt man dagegen das Finale wahr, diesen polyfonen Zauberwürfel. Hier schafft Gergiev es durch strukturierendes Dirigat etwas von der Komplexität zu vermitteln, die den Satz auszeichnet. Die Mittelstimmen sprechen, die verschlungenen Themenbezüge lassen sich nachvollziehen. Dadurch gewinnt das Finale an Raffinesse und intellektueller Größe, die nur von einem Statement übertroffen werden kann, das in seiner Einfachheit über Kontrapunkt-Experimenten steht: ein Choral, fortissimo, mit strahlendem Blech. Die Philharmoniker spielen ihn grandios.