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Kurzkritik:Energie und Elan

Pierre-Laurent Aimard spielt mit dem Gürzenich-Orchester im Prinzregententheater

Wenn mit sachtem Decrescendo das Licht im Prinzregentheater verdämmert und die ersten Töne der Mondscheinsonate mit cis-Moll-Misterioso in den Raum perlen, dann legt sich die Magie einer Séance über den Saal: Beginn einer Beethoven-Inszenierung mit Pierre-Laurent Aimard am Flügel, Lichtregie und dezenter Musiker-Choreografie. Aber sie dauert nicht. Denn bald brechen mit präziser Dramaturgie die grellen Signaltöne von Helmut Lachenmanns "Tableau" herein, gefolgt von gewaltsamem Forte-Tumult: Schluss mit cis-Moll und Magie. "Illusionslose Kommunikation" mit Klangobjekten nennt er sie selbst und hat recht - bis dann wieder Beethoven mit dem strahlenden C-Dur der ersten Sinfonie zu Wort kommt und später mit Ausschnitten aus der vierten und fünften.

"Orchester Fragment zu Beethoven" heißt die Programmidee von Isabel Mundry, ein Kompositionsauftrag für das traditionsreiche Gürzenich-Orchester aus Köln, das zum ersten Mal in München ist. Als "Beethoven Akademie" präsentierte sie sein Chef François-Xavier Roth jetzt mit energiegeladenem Elan. Er knüpft damit an Beethovens eigene Konzertreihe der Jahre 1808 mit ihrer "Freyheits"-Idee an und versteht sie, mit Mundry, als dialektischen Dialog mit der zeitgenössischen Avantgarde.

So gab es inmitten von viel Beethoven, musiziert mit viel heroischem Forte, auch die "Quasi una bagatella" für Klavier und Orchester von Francesco Filidei als Uraufführung. Dazu Kopfbeugen der Musiker für "Andacht" und Klatschen für Pathos. Faszinierend Aimards Auszüge aus der Arietta von Beethovens opus 111, attacca verzahnt mit "Photoptosis" von Bernd Alois Zimmermann. Er will hier die Zeit in "Kugelklang" und Presto-Akzelerando aufheben: finaler Sieg über Beethoven im rasenden Furioso, aber als Entfaltung der großartigen Klangpotenz des Orchesters. Begeisterter Beifall für eine ungewöhnliche Jubiläumsfeier.

© SZ vom 18.02.2020
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