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Kurzkritik:Eine Dosis Swing

Die Symphoniker unter Dirk Kaftan im Herkulessaal

Wer sich unter das Signum "Mein Junges Leben hat ein End" von Jan Pieterzoon Sweelinck begibt, wird an der großen Tradition der Lied- und Choralbearbeitungskünste des 17. Jahrhunderts gemessen. Karl Höller, einst Kompositionslehrer und Präsident der Münchner Musikhochschule, wo er lange Jahre ihre noble Aura und Dignitas verkörperte, unternahm das mit seinen Orchestervariationen über Sweelincks Vorlage. Dabei trafen sich zwei Jünger der Musica sacra: der Organistensohn vom Bamberger Dom und der berühmte "Orpheus aus Amsterdam". Höller brach den Zauber der alten Melodie auf ein emsiges Idiom der Fünfzigerjahre zwischen Hindemith und Strawinsky herunter, farbig ausmusiziert von den präsenten Münchner Symphonikern im Herkulessaal. Damit gaben sie der fünften Variation eine Dosis Swing und der letzten ihr elegisches Andante sostenuto.

Wie es aber ganz anders gehen kann, zeigten dann die Kindertotenlieder von Gustav Mahler und die erste Sinfonie von Dmitri Shostakowitch. Dirk Kaftan, der nach seinen Generalmusikdirektor-Positionen in Augsburg und Graz jetzt das Beethoven-Orchester in Bonn mit neuem Elan belebt, tönte in den Kindertotenliedern die schwermütigen Ausdrucksregionen sensibel ab. Gelegentlich zwar in Konkurrenz mit den feinen Registern von Alexandra Petersamer, deren blühender Mezzosopran im zärtlichen Piano dunkler Melancholien in der orchestralen Fülle fast verschwand.

Umso beredter entfaltete sich dann diese Fülle bei Shostakowitch. Das Opus des 19-Jährigen, zum Abschluss seiner Konservatoriumsjahre komponiert, erschreckt noch nicht mit den Beklemmungspotenzialen der späteren Sinfonien. Aber es zeigt doch schon zwischen markanten Pauken-, Klavier- und Bläserinterventionen, duftigem Piano und grellen Forte-Ausbrüchen alle Charakteristika seiner Musik zwischen Grimassen skurriler Groteske und grimmiger Ironie, engagiert gelenkt von Dirk Kaftan.