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Kurzkritik:Divergente Interpretation

Solist Alexander Melnikov und das Sinfonieorchester Basel sind sich uneins

Im Konzert des Sinfonieorchesters Basel im Prinzregententheater beschert die zweite Programmhälfte dem Zuhörer eine ballettlose Fassung von Beethovens Ballettmusik "Die Geschöpfe des Prometheus". Dazu gibt es eigens verfasste Texte des Autors Alain Claude Sulzer. Wie in diesen Texten, die der Schauspieler Peter Simonischek wunderbar vorträgt, der Prometheus-Mythos umrissen wird, ist phasenweise verblüffend komisch.

Aber das hilft nur zu einem gewissen Grad darüber hinweg, dass diese Musik eben nicht als rein akustisches Ereignis komponiert wurde und ohne Bühnengeschehen nicht ihre volle Wirkung entfaltet. Trotzdem lohnt es, dem Orchester unter der Leitung von Ivor Bolton aufmerksam zu lauschen. Denn anders als bei Beethovens fünftem Klavierkonzert mit dem Pianisten Alexander Melnikov vor der Pause musiziert das Orchester erstklassig. Sein direkter, vibratoarmer Streicherklang passt hervorragend, auch die Bläser spielen vorzüglich. Bolton gibt in rastloser Bewegung ein prägnantes Metrum vor, das seinen Beitrag zu der präzisen, historisch informiert wirkenden Darbietung leistet.

Derart ausgereift war das Klavierkonzert zuvor nicht: Sicherlich kann es spannend und befruchtend sein, wenn Solist und Orchester zwei unterschiedliche Interpretationsauffassungen einander gegenüberstellen. In diesem Fall aber hätten ein paar Berührungspunkte mehr nicht geschadet. Das Orchester spielt auch das Klavierkonzert mit kernig-kompaktem Klang - wenngleich nicht so exakt wie später die Ballettmusik. Melnikov hingegen wählt eine romantischere Herangehensweise, vergrößert die Klangwirkung im ersten Satz durch üppigen Pedaleinsatz, ertastet in den leisen Passagen zarte Melodielinien. Die sind für sich gesehen zauberhaft, da sie nur selten zu fragil geraten. Das Orchester vermag Melnikov in diese ätherischen Sphären nicht zu folgen. Erst im Rondo, dessen rhythmisch markantes Thema Melnikov interessant betont, herrscht größerer Konsens.

© SZ vom 17.02.2020
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