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Kurzkritik:Ausdruck und Abgrund

Can Çakmur im Kleinen Konzertsaal des Gasteig

Und natürlich lässt sich über Scarlatti streiten. Doch was Can Çakmur (Jahrgang 1997) den Stücken abgewinnt, spricht für die eminente Begabung, die musikalische Intelligenz des Pianisten. Nicht nur optisch erinnert der in Ankara geborene Musiker an den Ivo Pogorelich der Achtziger. Wie dieser schafft er es, einen persönlichen Scarlatti zu präsentieren, dem nichts Affektiertes anhaftet: zwingend, mit sprechendem Portato interpretiert, dabei ein halbes Ensemble aufrufend - helle Trompetensignale, temperamentvolle Gitarrenakkorde, singendes Violinlegato.

Aus dem "Versteckspiel" von Eric Domenech macht er ein faszinierendes Klangbild. Aus einem einfachen Motiv entspinnt sich eine Erzählung in schwebenden Tönen und zupackenden Akkorden. Immer neu wird die Ausgangsmelodie beleuchtet, erscheint als Erinnerung, als Vision, geschrien, geträllert, deklamiert oder in Panik gestammelt. Bei alldem erweist sich Çakmur als Erzähler am Klavier, dessen Geschichte man mit Spannung verfolgt.

Die narrative Stringenz steht auch im Mittelpunkt seiner Interpretation der Transkriptionen von Schuberts "Schwanengesang" aus der Feder Franz Liszts. Çakmur bietet ein Panorama vom naiven Glück der "Liebesbotschaft" bis zum Horror des Doppelgängers. Mit einem Minimum an Bewegung zeichnet Çakmur eine musikalische Landschaft, durchleuchtet die vielschichtige Partitur und macht dabei deutlich, dass Liszts Hinzufügungen, die pianistischen Gesten und blumigen Verzierungen, eben nicht Nebensache sind, sondern den Kern des Stücks treffen. Bei fast makellos beiläufiger Sicherheit in den technischen Vertracktheiten scheut sich der Pianist nicht vor den Extremen des Ausdrucks, etwa in dem verzweifelt gedonnerten "Atlas" oder dem grimmigen "Aufenthalt". Nach diesem Blick in die Abgründe der romantischen Seele wirkt die "Taubenpost" als halbironische Abspannmusik. Bravo-Rufe aus dem Kleinen Konzertsaal, dem hoffentlich bald ein größeres Podium folgt.