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Kurzkritik:Aus vier wird eins

Das Calidore String Quartet glänzt in der Allerheiligen-Hofkirche

Wäre es ein Gespräch, das Calidore String Quartet würde keine Wechselrede vier vernünftiger Leute präsentieren. Hier sprechen vier als einer, hier - mit Beethoven - verschmelzen auf organische Weise vier Stimmen zu einem intensiven Klangbild. Wenn sich alles, was mit Beethoven zusammenhängt, auf diesem Niveau bewegt, muss einem nicht bange werden vor dem Jubiläumsjahr 2020. Das c-Moll-Quartett aus Opus 18 spielen die US-Amerikaner in der Allerheiligen-Hofkirche bei delikater Melodieführung und weich ausgefüllten Akkorden mit einer Unbedingtheit und Konzentration, die den Klassiker zum Glühen bringt - das Quartett unterm Brennglas.

Dass dieser Zugriff nicht einfach bedeutet, an die Extreme des Ausdrucks zu tasten, macht Prokofjews zweites Quartett hörbar, das folkloristische. Die zerklüftete musikalische Landschaft des nördlichen Kaukasus wird zum konturierten Gesang, nie nur naiv jubelnd, sondern mit unterschwelliger Nervosität, die das ganze Quartett bestimmt. Seine technische Unangreifbarkeit erlaubt es dem Calidore Quartet, auch den schwebenden, schimmernden Strukturen des Adagio-Satzes Gewicht zu verleihen, ehe es mit grimmigem Humor das finale Thema in immer neuen Metamorphosen ausstellt.

Im Zeichen der Verwandlung stehen auch die Streichquartette von Viktor Ullmann und Erich Wolfgang Korngold. Hier zeigt sich die Walzer-Romantik im Gewand der frühen Moderne. Während Ullmanns Opus 46, entstanden 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt, eine Tour de Force durch den Stilpluralismus der Epoche ist und gequälte Melodien neben brüske Chromatik stellt, verweilt Korngolds zehn Jahre zuvor komponiertes Es-Dur-Quartett noch einen Augenblick im Schönen. Das Calidore String Quartet überführt diese beinahe zu schöne Partitur in eine fundierte Interpretation, charmant und vielfarbig. Und wie es begonnen hat, so endet es: Mit der Cavatina aus Beethovens Opus 130 bedankt sich das Quartett für enthusiastischen Beifall.

© SZ vom 23.01.2020
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