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Kurzgeschichten von T. C. Boyle:Für Amerika, gegen den Puritanismus

Waldbrände USA

Katzen unter Campingwagen, Frauen, die mit Tigern flüstern, und dann und wann eine Naturkatastrophe: die USA in den Erzählungen T.C. Boyles.

(Foto: Scott G. Winterton/dpa)

In seinem neuen Erzählband "Good Home" führt T. C. Boyle seine Figuren mit großer Raffinesse in die Katastrophe. Warum nur kommt das trotzdem so menschenfreundlich daher?

Er ackert, er wühlt, er kämpft sich durch. Einen Appell an seine Muskelkraft kann der typische Held von T. C. Boyles Geschichten niemals überhören, mag er auch noch so sehr zur Lethargie neigen. Boyle ist ein wahrer Entfesselungskünstler überraschend ausbrechender Energieschübe, seien sie nun menschlicher oder geologischer Natur, und er verbindet sie mit zivilisatorischen Elementen zu einer eigentümlichen Mixtur, die etwas zutiefst Amerikanisches hat.

Bei einem Erdrutsch an der Küste Südkaliforniens kommt der Fahrer eines Kleintransporters in schlimme Bedrängnis. Er soll eine menschliche Leber, deren Transplantation unmittelbar bevorsteht, vom Flughafen in Los Angeles nach Santa Barbara bringen. Nun sitzt er fest. Während er auf den Motorradfahrer wartet, den das Krankenhaus losgeschickt hat, damit er das Organ übernimmt, klopft eine Frau in wilder Panik an die Scheibe seines Wagens. Er müsse ihr helfen, Mann und Tochter seien eingeschlossen. An der Hand zieht sie ihn hinter sich her, bis er vor den Trümmern ihres Reihenhäuschens erkennt, dass hier die eigentliche Katastrophe stattgefunden hat. Ohne wirklich daran zu glauben, Überlebende in den Schlammmassen zu finden, beginnt er, wie ein Berserker zu graben. Es ist der Anblick der Frau, ihre "wilde Entschlossenheit", der ihm beinahe übermenschliche Kräfte verleiht. Geradezu rauschhaft gräbt er sich in "Ekstase". Doch kaum hat er die beiden tatsächlich gefunden, ist er abgemeldet. Am Handy wartet bereits der zeternde Chirurg, der ihn beschimpft, weil er nicht bei seinem Wagen geblieben ist.

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Die zwanzig Geschichten dieses 2013 im Original erschienenen, von Anette Grube und Dirk van Gunsteren übersetzten Sammelbandes sind von erstaunlicher Vielfalt. Die Handschrift des amerikanischen Erfolgsautors, der das Schäbige und Chaotische einer meist heruntergekommenen, von Natur durchwucherten Zivilisation so beschreiben kann, dass es rätselhafterweise anziehend wirkt, ist markant. Und doch scheint man mit jeder Geschichte in einen anderen Canyon zu geraten. Der schroffe Eigensinn seiner Figuren prägt die absonderlichen Konstellationen, die thematisch, wie in der Intensität von Gefühlen eine enorme Bandbreite haben.

Literatur Die Athletin der  Aufmerksamkeit
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Die Athletin der  Aufmerksamkeit

Nüchtern, präsent bis zur Euphorie und einfach da: Céline Minard setzt in ihrem neuen Roman "Das große Spiel" eine Frau alleine im Hochgebirge aus und zeigt: Abenteuerroman geht auch philosophisch.   Von Alex Rühle

Ein Junge ohne Schmerzempfinden wird von seinen Eltern als Jahrmarktattraktion verkauft, während ein Wissenschaftler an ihm die Physiologie des Schmerzes erkunden will und väterliche Gefühle entwickelt. Ein reiches Ehepaar engagiert eine Studentin als Hundesitterin eines geklonten afghanischen Windhundes, damit sie ihm die gleiche Sozialisation verschafft wie seinem genetischen Double. Einem erschöpften Vater gehen die Ausreden aus, um nicht zur Arbeit zu müssen. Eines Tages behauptet er, sein Baby sei gestorben - eine Lüge, die seine Existenz in Stücke haut.

T. C. Boyle ist das Gegenteil eines feinsinnigen Autors. Dennoch wirken seine Geschichten nicht grob. Es ist schwer zu sagen, woher die Menschenfreundlichkeit kommt, der Dreck und Chaos nichts anhaben können. Gewalt und Trost sind manchmal verschwistert. So ballert der Fahrer, der beim Erdrutsch in "La Conchita" (wie auch die Erzählung heißt) Menschenleben rettet, hemmungslos durch die Gegend, wenn ihn andere Autofahrer nerven. Dass er seine Pistole mitnimmt, um der Frau zu helfen, erklärt er sich so: "Vielleicht weil Panik ansteckend und Gewalt das Einzige ist, was beruhigt." Waffen trägt hier jeder mit sich rum und manch einer kommt nebenbei zu Tode. "Krieg" ist eine der häufigsten Metaphern Boyles, etwa wenn Pockennarben "Relikte eines epidermalen Krieges" heißen oder eine Vegetarierin die Schnecken in ihrem Blumenbeet mit der Rechtfertigung zerquetscht, es handle sich um eine "Art Krieg" gegen eine "eingeschleppte Spezies".