bedeckt München 25°

Literatur:Die Athletin der  Aufmerksamkeit

Nüchtern, präsent bis zur Euphorie und einfach da: Céline Minard setzt in ihrem neuen Roman "Das große Spiel" eine Frau alleine im Hochgebirge aus und zeigt: Abenteuerroman geht auch philosophisch.

Eine Frau. Allein in der Natur. An der Grenze zur Unwirtlichkeit hat sie ihr Lager aufgeschlagen, eine "Lebensröhre", verankert auf einem Granitvorsprung, halb ragt sie ins Leere, wie ein Flugzeugrumpf, der zwischen Abgrund und Fels schwebt. Eine kühne Kunststoff-Konstruktion, so schlicht wie es geht, aber hochmodern und mit Panorama-Rundfenster in die Schlucht.

Oft wird sie im Verlauf des Textes die großartige Kulisse beschreiben, die sie von hier aus sieht, ohne dass je der Name eines der umliegenden Gipfel genannt wird. Es gibt kein Handy, nie wird ein Monat oder die Länge eines Zeitraums genannt. Hier oben scheinen Namen und die gestundete Zeit, ja alle Geschehnisse und Spielregeln aus der Welt da unten nichts mehr zu gelten, man weiß am Ende nicht, ob das Ganze in den Pyrenäen oder den Alpen gespielt hat, man kennt nicht mal den Namen der Frau geschweige denn ihre Vorgeschichte, und doch hat man selten so intensive Zeit mit einem Menschen verbracht wie nach der Lektüre dieses Romans.

Céline Minard geht immer aufs Ganze. Ob Schelmenroman, Science-Fiction, testamentarische Lebensbeichte oder mittelalterliche Erzählung - in jedem ihrer Bücher stürzt die Pariser Autorin sich kopfüber in ein neues Genre, ja sie scheint sich die Genres anzuziehen wie einen Kampfanzug und dann zu schauen, wie weit man das jeweilige Erzählgewebe dehnen kann, ohne dass es zerreißt. In ihrem 2014 auf Deutsch erschienenen Western "Mit heiler Haut" ist es ihr sogar gelungen, das vielleicht lebloseste und gewiss männlichste aller Genres neu zu beleben, mit einer Heldin, deren sarkastische Sprüche tiefer ins Herz ihrer Gegner treffen als jede Kugel es könnte.

Céline Minard.

(Foto: Joel Saget/AFP)

Nie aber war sie wohl so in ihrem Element wie in dieser Robinsonade, einem Abenteuerroman, angesiedelt auf ungefähr 2000 Metern Höhe: Die Erzählerin hat sich in dieser kargen Landschaft 200 Hektar Land gekauft. Jetzt will sie die Einsamkeit erforschen, wie andere vor ihr fremde Länder erkundet haben. Planvolle Landnahme, genaue Vermessung, täglicher Ackerbau. Gefährliche Erkundungsgänge durchs steile Felsgestein, das Anlegen von Beeten, Angeln, Jäten, Solarzellen anschließen - der praktische Alltag wird knapp und minutiös zugleich geschildert. Wäre man in den Alpen längere Zeit auf sich gestellt und hätte nichts als dieses Buch dabei, kann sein, dass es einen retten würde.

Hier oben scheinen die Namen und die gestundete Zeit aus der Welt unten nichts mehr zu gelten

Sie scheint keine Angst zu haben hier oben, im Gegenteil, sie will nirgends anders sein: "Diese Welt der Abgeschiedenheit, der Leere, der großen Kälte, der bleiernen Hitze, des harten Felsens, der Stille und der Schreie der Tiere lässt einem kaum eine Wahl. Sie ist ein genauer Lotse (...) Ich habe ihr zutiefst zugestimmt."

Paul Valéry schrieb einmal, man könne die Sprache auf zweierlei Weise beherrschen: "entweder wie der Athlet seine Muskeln oder wie der Anatom die Muskeln. Zweierlei (Er)Kenntnis. Man muss Anatom und Athlet vereinigen." Minard ist erzählerische Athletin, ihr Text ist so muskulös und sehnig wie ihre Protagonistin. Das fängt schon damit an, dass Minard selbst immer wieder monatelang in den Bergen unterwegs ist, sie klettert leidenschaftlich, man spürt das, wenn sie davon schreibt, jeder Handgriff sitzt, im Text wie im Gelände. Gleichzeitig hat der Roman in seiner erzählerischen Ökonomie selbst etwas Athletisches, von der ersten Seite an ist er straff gespannt wie ein Seil oder wie ein Bogen, der in das Abenteuer zielt, das hier oben wartet.

Was braucht man wirklich für das Leben, das hier nur als "das große Spiel" erscheint?

Minard ist aber zugleich souveräne Anatomin und das hebt ihr Buch über so viele andere Abenteuerromane oder Survival-Geschichten heraus. Die studierte Philosophin schickt ihre Heldin nicht in die Einsamkeit, um ihre Vergangenheit zu reflektieren, Alpenlyrik zu verzapfen oder sich selbst in ihrem anstrengenden Tun zu vergessen, sondern um, im Gegenteil, radikal da zu sein, präsent bis zur Euphorie. "Könnte man sich nicht einen Athleten der Aufmerksamkeit vorstellen, der imstande wäre, eine Gegenwart von mehreren Dutzend Jahren zu bilden", fragt sie. "Oder könnte man sich nicht eine Aufmerksamkeit von solcher Qualität vorstellen, dass sie eine lang andauernde Gegenwart in den Bruchteil einer Sekunde kondensieren könnte?"

Céline Minard: „Das große Spiel“. Roman. Aus dem Französischen von Nathalie Mälzer. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2018. 192 Seiten, 20 Euro.

Wittgenstein in seiner norwegischen Hütte fällt einem ein. Oder Marc Aurel, der stoische Lebenspragmatiker. Sie selbst nennt ihre Behausung mal "meine Tonne" und erweist sich so als ferne Verwandte des Diogenes, der so radikal nach dem Glück fragte und danach, was der Mensch wirklich braucht für das Leben, das hier oft "Das große Spiel" genannt wird.

So ist das Buch also Abenteuerroman und philosophisches Tagebuch in einem. Käme man dieser Frau mit luftigen Fragen nach Sinn und Zweck des Daseins, sie würde einen wahrscheinlich zum Jäten oder Klettern schicken. Der Sinn des Lebens ist das Leben, also lebe. Käme man ihr mit Sonnenuntergangsgeschwärme, würde sie einen vielleicht sogar wortlos über den Abhang schubsen. Nichts läge diesem Text ferner als Naturkitsch, Minard ist eine sehr nüchterne Erzählerin. Gerade dadurch aber wirken die jähen Glücksmomente "inmitten der Berge, zwischen Felsen, Meteoren, Wiesen, dünnem Sauerstoff und Anstrengung" so ungemein stark, die kurzen Sätze der Erfüllung wie Brühwürfel, die im Gedächtnis aufgehen und noch lange nachschmecken. Nathalie Mälzer, die schon die letzten beiden Romane von Minard mustergültig ins Deutsche übersetzt hat, trifft glücklicherweise beides, den nüchternen Tagebuchton wie den fast schon poetisch knappen Stil der philosophischen Skizzen.

Und dann, plötzlich, scheint noch ein zweiter Mensch in dieser Wildnis zu sein. Gerätschaften verschwinden. Geräusche kommen aus dem Wald. Die unheimlichen Anzeichen werden so gekonnt in der kargen Idylle dieses Textes verteilt, dass man still hofft, Céline Minard möge sich bei ihrem nächsten Roman mal am Horrorgenre versuchen. Hier oben aber begegnet die Erzählerin dem seltsamen anderen Menschen mit der Heiterkeit dessen, der nichts zu verlieren hat. Der den Mut hat, sich wirklich dem Leben auszusetzen. Und der am Ende, auf einem der umliegenden Gipfel, alles riskiert.

© SZ vom 05.02.2018

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite