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Krise der Kunstmessen:Global denken, regional handeln

Art Basel 2018 - Press Preview

Kunstpalast oder Baustelle? Die Messehallen während der Art Basel von 2019.

(Foto: Harold Cunningham/Getty Images)

Eben wurde das Kunstflaggschiff Art Basel wieder verschoben. Immer mehr Händler fragen sich, welche Zukunft die Kunstmessen noch haben.

Von Ingo Arend

"Weitere Messen und Events werden aus dem Boden schießen. Die Kunstwelt ist extrem gesellig, sie liebt das Event-Erlebnis". Anfang 2017 war Benjamin Genocchio, Chef der New Yorker Armory-Show, noch optimistisch. In sieben Thesen zur Zukunft des Kunstmarkts prophezeite er der Branche blühende Landschaften.

So vollmundig würde Genocchio diese Prognose heute vermutlich nicht wiederholen. Die Pandemie scheint sich ins Unendliche zu strecken. Und wenn der globale Stotter-Lockdown weiter läuft wie bisher, dürfte von dem Kunstmarkt, wie ihn die Kunstwelt bislang kannte, nicht mehr viel übrig bleiben.

Denn wenn nicht alles täuscht, brechen die Kunstmessen, das Rückgrat dieses Systems, derzeit zusammen. Marc Spiegler, der Chef der Leitmesse Art Basel, war sich im Frühsommer letzten Jahres noch sicher, dass "eine Messe weiterhin ein Ort sein wird, an dem Menschen zusammenkommen und sich austauschen". Fragt sich nur, wie die Messen dann aussehen werden.

"New Deal", "Commons": Kunstmarktkritiker sehen die Chance, den Betrieb ganz neu zu ordnen

Als die Königin der Kunstmessen vergangene Woche ihre eigentlich für diesen Juni geplante Ausgabe in den Herbst verschob, zeichnete sich der Domino-Effekt des letzten Jahres ab. Nach der Absage des Messetermins vom September 2020, samt der Dependance in Miami drei Monate später, strichen auch die Frieze, die Fiac und schließlich die Art Cologne die Segel. Wie lange kann das gut gehen?

Kritiker des anschwellenden Chores der Ökonomisierung des Kunstbetriebs dürfte ein potenzieller Crash kaltlassen. Sie sehen die Krise als Chance, den Kunstbetrieb nach dem Vorbild der "Commons", selbst verwalteten Gemeinschaftsgütern wie Gärten, Wohnungen, Werkstätten, neu zu ordnen - genährt von den Geldern eines "New Deal" wie zu Zeiten Franklin D. Roosevelts.

Mittelständische Galerien dagegen sehen die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Glaubt man Experten, erwirtschaften Galerien auf Kunstmessen zwischen 30 und 70 Prozent ihres Umsatzes. Schon im vergangenen September schlugen die Art Basel und die Schweizer Großbank UBS deswegen Alarm.

Sie hatten eine Studie von Clare McAndrew veröffentlicht, der Gründerin von Arts Economics, einer in Irland beheimateten Consulting-Firma zur Kunstökonomie. Danach waren im ersten Halbjahr 2020 im Vergleich zum Vorjahr die Verkäufe der Galerien im Durchschnitt um 36 Prozent gesunken, auf Messen habe man nach den Absagen nur noch 16 Prozent des Vorjahresumsatzes erzielt. Nach einer im Auftrag des Bundesverbands Deutscher Galerien (BVDG) veröffentlichten Studie des Berliner Instituts für Strategieentwicklung wenige Monate später befürchteten die deutschen Galerien mehr als 40 Prozent Verlust.

Ganz so dramatisch scheint es nicht gekommen zu sein. "Die Zahlen sind in Ordnung", sagt etwa der Galerist Christian Nagel mit Standorten in Berlin, Köln und München. Er will das aber nicht verallgemeinert wissen. Mit Künstlern von Kader Attia über Martha Rosler bis Heimo Zobernig hat er freilich auch eine vergleichsweise starke "Backlist". Selbst sein Berliner Kollege Kristian Jarmuschek, Vorsitzender des (BVDG) und strategischer Kopf hinter der Berliner Kunstmesse Positions, war nach zeitweilig über 60 Prozent Rückgängen im Sommer im vergangenen November, wie er sagt, "wieder glücklich". Unruhig wartet er nun das Frühjahr ab.

Manche sind froh, dass das Hamsterrad vorübergehend stillsteht

Und wenn Rózsa Farkas von der Londoner Galerie Arcadia Missa, Mitglied im Beirat der Art Cologne, der SZ gesteht, dass die "forcierte Erschöpfung, die Kunstmessen mit sich bringen, weder nachhaltig noch notwendig ist", meint man sogar ein Aufatmen herauszuhören, dass das Hamsterrad vorübergehend zum Stillstand gekommen ist.

Jedenfalls scheinen sich die Galerien auf den temporären Messeschwund einzustellen. Hatte der New Yorker Galerist David Zwirner für das vergangene Jahr auf seiner Website angekündigt, an 20 Messen teilzunehmen, listet er für dieses Jahr keine einzige auf. Auch Farkas hat ihre "Zweifel, dass die Kunstmessen 2021 ein plötzliches Comeback erleben". Keine allzu kühne Prophezeiung: Schwer vorstellbar, dass sich der Stau von 15 bis 20 Messen, der sich nach der Verschiebung der Art Basel (die Art Cologne dürfte in Kürze folgen) in diesem Herbst anbahnt, je wieder auflöst. Vor allem aber wegen der allmählichen Erosion der Art Basel, der Leitmesse.

Der Einstieg von James Murdoch, Sohn des US-australischen Medien-Magnaten Rupert Murdoch, und seiner Firma Lupa Systems als Ankeraktionär in die ins Trudeln geratene Schweizer MCH-Group, der Trägergesellschaft der Art Basel, schien den Messe-Tanker letztes Jahr wieder auf Kurs zu bringen. Nach dem rüden Hinauswurf des bisherigen MCH-CEO Bernd Stadlwieser und einem Personalkarussell, bei dem Murdoch Junior vergangene Woche Vertraute an die Spitze von Vorstand und Aufsichtsrat hievte, kann sich freilich niemand sicher sein, ob auch das scheinbar unsinkbare Flaggschiff der Kunst nicht gründlich überholt werden muss.

Der neue Chef Andrea Zappa war nach Stationen bei Ferrari und dem britischen Pay-Tv-Riesen BSkyB schließlich zu Sky Italia gestoßen, einem zeitweiligen Asset von Murdoch sen. Das ließe sich als Zeichen werten, dass die MCH ihre Zukunft im globalen Dienstleistungs- und Unterhaltungsmarkt sieht. Marco Gradola, Zappas Co-Chef, gilt als Feigenblatt des Mitaktionärs, des Kantons Basel-Land.

Die jüngste Verschiebung der Art Basel sieht Messechef Marc Spiegler im Gespräch mit der SZ nicht als Zeichen einer Krise. Er wolle den Galerien nur Planungssicherheit geben. Ansonsten ist er sich sicher, dass die neuen MCH-Chefs "wissen, was sie an der Kunstmesse haben". Die kollabierte Uhren- und Luxusmesse Baselworld, Cash-Cow der wackligen Muttergesellschaft, können aber auch die beiden Macher nicht auf Anhieb ersetzen.

Online ist keine Alternative. Nach "junger, verheißungsvoller Kunst" kann man bei Google nicht suchen

Das macht den Unterschied zur Kölner Messegesellschaft aus. Die hat mit der Nahrungsmittelmesse Anuga, der weltweit größten Spiele- und Computermesse Gamescom, der Möbelmesse und der Photokina Hochkarätigeres im Kreuz als die Basler, die sich in ihrer Not jetzt ausgerechnet auf die durch die Pandemie zur Strecke gebrachte Tourismusbranche konzentrieren wollen.

Natürlich macht die Pandemie den Kunstmarkt überall auf der Welt erfinderisch. Mit ihren erstklassigen, aber doch sterilen Online-Viewing-Rooms war die Art Basel vorangeschritten. Sie sollen auch in diesem Juni die Messe wieder ersetzen. Die Brüsseler Kunst- und Antiquitätenmesse Brafa verteilt sich im Januar weltweit auf Galerien in 37 Städten, in Wien präsentieren sich zur selben Zeit 13 renommierte Galeristen im Interconti-Hotel.

Wie ein Held steht der wegen seiner hemdsärmeligen Vermarktungsstrategien oft kritisierte Berliner Galerist Johann König jetzt da, der während der Berliner Art Week im letzten Jahr in seiner Galerie in der Kreuzberger St.-Agnes-Kirche eine eigene Messe eröffnete, bei der er eigene Werke, aber auch solche aus dem Secondary Markt präsentierte - streng hygienisch abgesichert, versteht sich. Dass sich der Spross der deutschen König-Kunst-Dynastie seinerzeit entschied, seine Galerie auch für Yogakurse zu öffnen, dürfte er derzeit nicht bereuen.

Ersetzen kann die erzwungene Digitalisierung das analoge Messegeschäft nicht, darin sind sich fast alle einig. Nicht nur wegen der fehlenden Aura realer Objekte im Raum. Sondern auch, so Kristian Jarmuschek, "weil es im Internet keinen Suchbegriff 'junge, verheißungsvolle Kunst' gibt". Dem Berliner schweben digitale Plattformen für Entdeckungen vor, die eigentlich nur analog zu machen sind. "Das Desaster ist ja auch", sekundiert der Avantgarde-Promoter Nagel, dass es im Zuge der Krise "fast unmöglich wird, Konzept- und postkonzeptuelle Kunst zu vermarkten." Nagel prophezeit auch eine "schwächere Gesellschaft" als Folge der Pandemie. Wer in der Pandemie Bildungseinbußen erleidet, dürfte sich später weniger leicht dazu entschließen, Kunstsammler zu werden.

Ein alternatives Modell der Distribution von Kunst schält sich aus diesen vielen verschiedenen Experimenten indes noch nicht heraus. "Wenn die Leute aus ökologischen oder hygienischen Gründen weniger reisen können, werden Messen wohl zu einem Mix aus Besuchern aus der Region werden, zu dem die internationalen Sammler und Interessenten online dazustoßen", beschreibt Rózsa Farkas aus dem pandemisch schwer gebeutelten Großbritannien die Kunstmesse der näheren Zukunft.

Das "Zurück zur Nationalität", das mit diesem derzeit oft favorisierten Konzept der Regionalmessen einherginge, hält Kristian Jarmuschek freilich für "problematisch". Flugscham hat der polyglotte Galerist natürlich auch. Aber für ihn war das unkalkulierbare Aufeinandertreffen von Menschen, Objekten und Perspektiven aus allen geografischen und geistigen Himmelsrichtungen auf den Messen doch ein Stück Lebensqualität, das er bei aller Entschleunigung, die die Pandemie so mit sich bringt, inzwischen schwer vermisst.

© SZ/jhl
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