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Kunstmarkt:Kapital gesucht

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Dieses Jahr geht das leider nicht: Kunstfreunde auf der Art Basel in der Architektur von Herzog und de Meuron.

(Foto: Art Basel)

Die Kunstmesse Art Basel braucht dringend Investoren, um die Verluste durch Corona-bedingte Absagen zu überstehen. Oder wandelt sich der Markt gerade komplett, und der globale Kunstreisezirkus gerät ins Stocken?

Von Ingo Arend

Atelierbesuche, Quarantäne-Tagebücher, Online-Diskussionen über Galerien der Zukunft. Wer dieser Tage über den Twitter-Account der Art Basel scrollt, erlebt eine schöne, bunte Kunstwelt. Mit Heimo Zobernigs blauen Acrylbildern wird ein "endloser Sommer" beschworen. Hinweise auf den Sturzflug des Art Basel-Betreibers finden sich nirgends.

Der Anfang vom Ende einer Ära? Bei einem Global Player wie der Art Basel schien dieses Szenario bis vor kurzem unvorstellbar. Eine Ahnung davon dämmerte freilich, als die größte und wichtigste Kunstmesse der Welt im Februar wegen der brutalen Niederschlagung der Demokratiebewegung und der beginnenden Corona-Pandemie in Fernost ihre diesjährige Ausgabe in Hongkong absagte.

Die Angst vor dem Dominoeffekt ging um. Würde dieses verdammte Virus dem ohnehin angeschlagenen Kunstmarkt endgültig den Garaus machen? Die Panik verstärkte sich, als die Pandemie nach Europa übergriff. Dass die Art Basel Anfang Juni deswegen schließlich auch ihre ohnehin auf den September verschobene Stammschau in Basel absagte, sah zwar verantwortungsvoll aus. Es legte aber auch die prekäre Lage der Schweizer Messegesellschaft MCH, dem Mutterkonzern der Art Basel, endgültig offen.

Ins Schlingern geraten war die Gesellschaft schon im Frühjahr 2018. Damals hatten sich einige Luxus-Uhrenhersteller aus der Uhren- und Schmuckmesse Baselworld, der "cashcow" der MCH, zurückgezogen. Ein Jahr später sprang auch der Rest der Branche ab, die MCH musste auch die Ausgaben für 2020 und 2021 absagen. (SZ vom 20. März).

Was, wenn jetzt auch noch die Art Basel Miami Beach abgesagt werden muss?

Zur höheren Gewalt gesellten sich Strukturprobleme. Die Immobilien des Messekonzerns, darunter die 2013 erbaute, schicke Messehalle der Stararchitekten Herzog & de Meuron, ein Congress-Centrum, zwei Theater, Parkhäuser und Messehallen in Zürich stehen oft monatelang leer und erwirtschaften kaum Einnahmen. Schon 2019 übertrafen die Verbindlichkeiten der Messegesellschaft laut Geschäftsbericht mit 401 Millionen Franken das Eigenkapital um rund 700 Prozent.

Nach dem Hongkong-Debakel erstattete die Art Basel den Galerien 75 Prozent der Standmiete. Die Absage der profitabelsten Messe in ihrem Portfolio wirkte da wie der endgültige Sargnagel für die kriselnde MCH. Zwar rechnet die MCH nicht damit, aber was, wenn jetzt auch noch die Art Basel Miami Beach Anfang Dezember abgesagt werden müsste? Nach eigenen Angaben ist die Liquidität der MCH gesichert. Das Unternehmen rechnet jedoch mit Corona-bedingten Umsatzeinbußen von 130 bis 170 Millionen Schweizer Franken. Kein Wunder, dass nun händeringend frisches Kapital gesucht wird.

Anfang Juni dementierte Marc Spiegler, Direktor der Art Basel zwar noch, dass die Messe zum Verkauf stehe. "Wie sie wissen, spekulieren wir nie", wies er die Gerüchte mit dem Gestus der Seriosität zurück. Keine zwei Wochen später sickerte durch, dass der australische Medien-Unternehmer Rupert Murdoch an einem Einstieg in den Konzern interessiert sei.

Auch die private Firma XanaduAlpha, ein auf "Pioneer Signals" spezialisiertes Investmentvehikel in der Schweizer Kleinstadt Baar, soll interessiert gewesen sein, dem Messekonzern einen Großteil der profitablen Art Basel abzukaufen. Durch einen Teilverkauf von 70 Prozent, so deren Plan, sollten der MCH rund 350 Millionen Schweizer Franken zufließen. Nicht mehr viel gehört hatte man von dem russischen Kunstunternehmer Sergej Skatershikov. Der hatte vergangenen November 3,8 Prozent der Aktien der MCH gekauft. Der 47-jährige, zeitweilig Besitzer der 2012 eingestellten Kunstmesse "viennafair" war mit schillernden Unternehmen wie "Skate's Art Market Research" dem Kunstportal "Paddle 8" und einem "Art Industry Fund" erst aufgefallen, dann unter Druck geraten. Zusammen mit dem Basler Medienunternehmer Bernhard Burgener, Präsident des FC Basel, soll er große Start-Up-Pläne geschmiedet haben. "Wir glauben, dass es einen großen Markt gibt für das Luxus-Geschäft mit den Millennials", hatte Skatershikov seine Kunstmarkt-Ambitionen der Schweizer Öffentlichkeit erläutert.

Übermäßiges Kunstinteresse darf man derlei Investoren kaum unterstellen

Mit im Spiel, zurzeit aber unsichtbar, ist noch der chinesische Immobilien- und Juwelen-Unternehmer Adrian Cheng. Der 41-Jährige hält ebenfalls rund drei Prozent Anteile. Die Messe schweigt zu dem illustren Personal hinter den Kulissen. MCH-Sprecher Christian Jecker bestätigt zwar den "Kontakt mit zahlreichen potenziellen Investoren aus der Schweiz, aus weiteren europäischen Ländern, aus Asien und aus Amerika". Will sich aber nicht zu "Spekulationen" äußern.

Übermäßiges Kunstinteresse darf man derlei Investoren kaum unterstellen. Eher das Interesse an einer lukrativen Marke. Vermutlich ist es die symbolische Strahlkraft und die Sammlerdichte, die 500 Millionen Euro Marktwert der Art Basel begründet sollen, von denen in Schweizer Finanzkreisen die Rede ist. Die MCH-Gesellschaft selbst soll nur 100 Millionen wert sein.

Bislang standen solche Investment-Rochaden schon deswegen nicht zur Debatte, weil die Messegesellschaft zum großen Teil Gemeineigentum darstellt. Der Kanton Basel-Stadt und andere Kantone kontrollieren die Hälfte der Stimmen. Die prekäre Lage ihres Unternehmens, das laut MCH-Eigenwerbung zu den zehn umsatzstärksten Messegesellschaften der Welt zählen soll, hat aber offenbar einen Sinneswandel bewirkt.

Ende Juni stimmt der Große Rat des Kantons Basel-Stadt einer Kapitalerhöhung zu. Dabei verzichtet er auf sein Bezugsrecht, also den Anteil der ihm durch den Geldzufluss zustehenden, neuen Aktien. Die Regierung wurde ermächtigt, ein Darlehen in Höhe von 30 Millionen Franken in Aktienkapital umzuwandeln.

Nicolas Galley, Kunstmarktexperte an der Universität Zürich, sieht den Aufmarsch von Murdoch&Co gelassen. "Ich denke nicht, dass das viel ändern wird" sagt der Leiter der 2011 eingerichteten "Art Market Studies". "Die öffentliche Hand hat massiv in die Messe investiert. Sie wird das genau beobachten und sich ihre Mehrheit nicht nehmen lassen. Das würde sofort zum Politikum. Neue Investoren könnten aber frischen Wind in die Art Basel bringen. Den braucht sie wirklich".

Der Messechef hofft auf das Bedürfnis, "Kunst wieder physisch zu zeigen

Fraglich bleibt, ob eine Filetierung der MCH ihrem Messe-Flaggschiff den Logenplatz als wichtigste Kunstmesse nach Corona sichern wird. Nicht erst seit der Pandemie wird dort diskutiert, ob es ewig so weitergehen kann. Der Circulus vitiosus aus Reisefieber, Preistreiberei und CO2-Bilanz liegt selbst hartgesottenen Galeristen im Magen. Daniel Hug, seit 2008 Chef der Art Basel-Konkurrenz Art Cologne, hatte vor kurzem dem Kunstmarkt prophezeit, er werde "lokaler und weniger global werden". "Die Kunstmärkte müssen ihr Modell und ihre Strategie überdenken" sekundiert auch Nicolas Galley. Der durch die Pandemie erzwungene Digitalisierungsschub hat die Frage nach dem Sinn von Kunstmessen zusätzlich verschärft. Schon 2017 hatte der New Yorker Galerist David Zwirner mit Online-Viewing-Rooms und "Dialog"-Podcasts experimentiert. Und zu den Viewing-Rooms, mit der die Art Basel den Ausfall in Hongkong zu kompensieren versucht hatte, kommt nun noch eine Initiative wie "Berlin by Basel". In Online-Viewing-Rooms präsentieren Berliner Galerien Kunstwerke, die sie auf der Art Basel eigentlich hatten zeigen wollen. Der Bostoner Mega-Galerist Marc Glimchey schwärmt von einer "neuen Ära".

Trotz dieser Virtualisierung des Markts sieht Art Basel-Chef Marc Spiegler die Überlebensgarantie für seine und andere Messen in dem Bedürfnis, "Kunst wieder physisch zu zeigen und im direkten Austausch zu vermitteln". Fragt sich nur, ob es dafür noch der guten, alten Art Basel bedarf. Die 1996 von den Züricher Galeristen Eva Presenhuber und Peter Lichmann 1996 gegründete "Liste"-Messe plant jetzt eine analoge Kurzausgabe ihres bisherigen Art-Basel-Satelliten vom 17. bis zum 20. September. "Für die junge, noch nicht so etablierte Kunst ist es besonders wichtig, dass Interessenten sie physisch erfahren können" begründet Messechefin Joanna Kamm ihre Entscheidung. Galerien, die wegen der Reisebeschränkungen nicht anwesend sein können, dürfen mit einem "Host-Guest"-Modell ihre Künstlerinnen präsentieren. Dabei zeigen physisch präsente Galerien sowohl ihre eigenen Künstlerinnen als auch die der Galerien, denen es nicht möglich ist nach Basel zu reisen. Entsteht da der Nukleus einer ganz neuen Art Basel?

© SZ vom 04.07.2020

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