bedeckt München 32°

Kunstausstellung:Ein Kanal, um ihr Material wirkungsvoll zu vermitteln

Das nächste, was man sieht, ist ein Film, der in Slow Motion die Gesichter der Leute in den Blick nimmt, die kurz nach den Anschlägen vom 11. September die Trümmer des World Trade Centers besichtigen, die ganze Klaviatur der Reaktionen von Schock, Trauer, Fassungslosigkeit. Auch das ist zunächst einmal von einer etwas ostentativen Bill-Viola-Kunsthaftigkeit. Aber auf die Rückseite der Filmwand lässt Poitras Videoaufzeichnungen von Verhören in Guantanamo projizieren, und das zeigt dann schon eher, worauf sie hinaus will. Arabische Männer auf Knien, in Fesseln, mit Tüten über dem Kopf. Die Auswahl der Befragungsszenen insinuiert, dass es ein sinnloses Martyrium Unschuldiger sei.

"Bed Down Location" wiederum ist Militärjargon für das Angreifen von sogenannten Zielpersonen aus der Luft her. Poitras gleichnamige Installation ist eine Liegewiese, auf der man sich vorkommt wie beim Übernachten im Freien mit Blick in den Sternenhimmel. Denn Poitras projiziert Filme von Nachthimmeln über den Vereinigten Staaten, Pakistan, Somalia und dem Yemen an die Saaldecke, und zwar im Zeitraffer. Es herrscht daher enorm viel Verkehr im Sternenmeer, und man weiß, dass einige dieser Sternschnuppen bestimmten Leuten den Tod bringen, und manchmal ein paar unbestimmten Leuten links und rechts davon gleich mit.

Nächster Raum: Briefkastenschlitze in der Wand, durch die man hindurchlugt wie ein Schnüffler an fremden Wohnungstüren. Dahinter finden sich dann von Snowden geleakte CIA-Dokumente, Interviews mit dem Ex-Guantanamo-Häftling Murat Kurnaz und mit dem Whistleblower William Binney, ehemals CIA und NSA, Drohnen-Aufnahmen, kurz - das Material, über das Poitras verfügt in direktester, eigentlich journalistischster Form, nämlich als Dokument. In diesem Teil der Ausstellung kommt es am wenigsten als Kunst verkleidet daher.

Poitras hat ganz offensichtlich nach Kanälen gesucht, um ihr Material und ihre Botschaft so wirkungsvoll wie möglich zu vermitteln, und hat sie in den bekannten Arsenalen der Kunst und der Ausstellungsarchitektur auch gefunden. Um eine Arbeit an diesen Kanälen ging es nicht so sehr. Und das ist verständlich.

Sie rückt sich selbst ins Bild, das Museum spannt den großen Bogen

Poitras ist auch, wenn sie als Künstlerin auftritt, immer noch in erster Linie engagiert, also Aktivistin. Daher ist es folgerichtig, dass sie am Ende ihre eigene Überwachung zum Thema macht. Sie hat auf die Herausgabe der Akten geklagt und das auch erzwingen können. Denn was kritische Künstler-Aktivisten wie Poitras oder auch Paglen geradezu als besonders patriotische Amerikaner ausweist, ist die Tatsache, dass sie ihre Rechte gegenüber den eigenen Behörden schon deswegen in Anspruch nehmen, damit die gewissermaßen in Gebrauch und Erinnerung bleiben.

Das Whitney Museum will jetzt allen Ernstes ausstellungsbegleitend Workshops zur digitalen Verschlüsselung und verwandten Themen veranstalten. Die Totalabschaffung jeder Möglichkeit von Privatheit und Unbeobachtetsein beschäftigt zu Recht nun auch die Museen. Man könnte, natürlich, die Frage stellen, wie sich das mit dem Bedürfnis verrechnen lässt, vor Terroranschlägen geschützt zu sein.

Aber dann kommt von der deutschen Bundesregierung, als hätten sie im Kanzleramt den Ausstellungsplan des Whitney an der Wand hängen und sonst zur Zeit keine dringenderen Probleme, die Kampfansage an das Bargeld - mit der schmierig grinsenden Begründung, man sei doch kein Geldwäscher, Steuerhinterzieher oder Mädchenhändler, oder etwa doch? Wozu am anonymen Bargeld festhalten, wenn wir uns längst über unsere Telefone zu jeder Tages und Nachtzeit freiwillig offenbaren?

Aber wo immer es eine Regierung ist, die sagt, wer nichts zu verbergen hat, habe auch nichts zu befürchten, da stirbt ein Stück von dem, warum man lieber in einer freien Gesellschaft leben will und nicht gefesselt, auf Knien und mit einer Tüte über dem Kopf.

Laura Poitras. Astro Noise. Bis 1. Mai im Whitney Museum, New York.

© SZ vom 05.02.2016
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB