Kunst Illusion mit Vision

Eine Ausstellung im Augsburger Schaezlerpalais würdigt den unbequemen Surrealisten Wolfgang Lettl

Von Sabine Reithmaier

Wolfgang Lettl hätte die Debatte vermutlich sehr amüsiert. Die Diskussion, die sich an seiner Retrospektive im Augsburger Schaezlerpalais entzündet hat, trägt nämlich leicht surrealistische Züge. Debattiert wird darüber, ob die Werke des Augsburger Malers (1919 bis 2008) dem Qualitätsmaßstab dieses städtischen Museums, ein Hort der Barockmalerei, entsprechen. Oder ob der Kulturausschuss, aufgehetzt von einer Lobby namens Wolfgang-Lettl-Förderverein, die Ausstellung nur in die heiligen Hallen gehievt hat, um dessen langjährige Bestrebungen, ein eigenes Lettl-Museum zu schaffen, zu unterstützen.

Eine komplizierte Sachlage also, die einem aber das Vergnügen an dem chronologisch aufgebauten Spaziergang durch die verschmitzten, surrealistischen Welten nicht verderben sollte. Schließlich ist Augsburg der Umgang mit berühmten Söhnen noch nie leicht gefallen. Dass Lettl jetzt mangelnde Qualität unterstellt wird, passt zudem gut zu der langjährigen Vernachlässigung des deutschen Surrealismus und seiner vielen Spielarten durch Kunsthistoriker. Auch Edgar Ende, Vater Michael Endes und Vorbild Lettls, könnte davon ein Lied singen. Dabei könnte man durchaus darüber streiten, ob Lettls Werke tatsächlich in die Räume des Prunkbaus passen. Die farbigen Wände, der Stuck, die umlaufende halbhohe Holzvertäfelung - all das macht seinen Gemälden zu schaffen.

67 aus 500 Werken hat der Sohn und Nachlassverwalter Florian Lettl mit der Kuratorin Julia Quandt ausgesucht, um einen Einblick ins Schaffen seines Vaters zu ermöglichen. Als Maler war dieser ein Autodidakt. In Paris, wo er von 1940 bis 1943 als Nachrichtensoldat dient, pinselt er seine ersten Aquarelle, menschenleere enge Straßenschluchten und hochaufragende Fassaden. Dort entdeckt er auch den Phantastischen Realismus, weil er täglich an einer Galerie mit Arbeiten des russischen Malers Pierre Ino vorbeikommt und zunehmend beeindruckt ist von diesen Bildern.

Wieder zurück in Augsburg, klappt es mit dem Studieren nicht so recht. Erst will ihn die Akademie in München nicht, dann mag Lettl nicht mehr. Der 29-Jährige bricht das Studium ab, verdient sein Geld als Bau- und Lagerarbeiter, malt unentwegt. Er experimentiert mit verschiedenen Stilrichtungen, sympathisiert mit dem Impressionismus und widmet sich in realistisch-naiver Manier während der frühen Fünfzigerjahre auch Augsburger Motiven. Was am "Plärrer", dem Augsburger Volksfest, oder dem "Familienbad" auffällt, ist die ungeheure Detailfreudigkeit und die Lust am Komponieren. Hauslandschaften setzt er aus Gebäuden zusammen, die zwar in Augsburg stehen, aber in ganz anderen Zusammenhängen. Um Geld zu verdienen, gestaltet er Fassaden und Mosaike.

Doch das bloß Sichtbare abzubilden genügt ihm nicht. Parallel arbeitet er an seinen surrealistischen Bildwelten, beginnt, kleine absurde Geschichten zu erzählen und seine Träume in Gemälde umzusetzen. Die Technik verfeinert sich. Der Hahn als sein Alter Ego taucht 1946 zum ersten Mal auf, auch der flache schwarze Schattenmann, die Silhouette einer menschlichen Gestalt und ein Dauerbegleiter im Lettlschen Kosmos, tritt in dem Jahr erstmals in Erscheinung. "13 Versuche, ein Hahn zu werden" nennt er später seinen in 13 Bildern erzählten Lebenslauf. 58 Jahre ist er alt, als er ihn malt, kleine, aber wirkmächtige Bilder, die seine ganze Entwicklungsgeschichte erzählen. Übrig bleibt am Ende nicht der Hahn, sondern der Mensch.

Das gängige Rezept für Surrealismus hat Lettl mit der ihm eigenen Ironie aufgeschrieben: "Man nehme, was nicht zusammenpasst und male es fein tüftelig in altmeisterlicher Manier zusammen." Das beherrscht er ziemlich gut, wohl wissend, dass ohne Witz und sein gekonntes Spiel mit Illusion und Täuschung keinerlei Funken auf den Betrachter überspringen würde. Den "Sieg der Gerechtigkeit" bejubeln zwei Pferde auf einem Treppenpodest, in der "Fensterflucht" rennt ein Mann über verschachtelte Treppen, ein Ausgang ist nicht in Sicht. Und in der "Lösung des Problems" sitzt ein Löwe brav in einem Vogelkäfig, umgeben von Frauenschuhen und blühenden Kastanien. Fast eine Idylle.

Lettl zitiert gern, leiht sich den "Hut des Herrn Magritte" genauso offen aus wie Michelangelos Schöpfergott aus der Sixtinischen Kapelle. Nur dass Gottes Zeigefinger bei Lettl nicht auf Adam, sondern durch den Arc de Triomphe hindurch auf eine kleine schwarz befrackte Gruppe von gewichtig wichtelnden Männern deutet. Eva, die Gott im anderen Arm hält - schließlich wird er sie jetzt gleich erschaffen - wirkt skeptisch. "Irrtum" (1987) hat Lettl das Gemälde genannt. Und einen Beitrag zur Genderthematik schuf er bereits 1969: einen körperlosen Männerkopf auf Frauenbeinen in High Heels. Zeitlebens stand er dem Kunstmarkt skeptisch gegenüber. Kunst als Geldanlage zu missbrauchen sei ein Missverständnis, um nicht zu sagen ein Sakrileg, sagte er. Er verkaufte bewusst wenig, sieht man von den wieder in impressionistischer Manier gemalten südlichen Landschaften und Blumen ab, die er in der Toskana malte, wo er seit den Siebzigerjahren einen zweiten Wohnsitz hatte. Den Bildern maß er keine große Bedeutung bei.

Was übrigens das Lettl-Museum betrifft: Der Förderverein hat geeignete Räume in der Zeuggasse 7 gefunden. Er hofft die permanente Ausstellung Ende des Jahres zu eröffnen. Freilich nur, wenn er bis dahin genügend Geld für den laufenden Unterhalt aufgetrieben hat.

Der Grenzgänger. Retrospektive zum 100. Geburtstag von Wolfgang Lettl, bis zum 31. März, Schaezlerpalais Augsburg