Kunst der Tarnung:Auffällig unauffällig

Hat Pablo Picasso die Tarnfarben der Nato erfunden? Die Kunst der Tarnung schwankt zwischen militärischer Notwendigkeit und modischem Design.

Alexander Menden

Pablo Picasso soll beim Anblick einer in Tarnfarben gestrichenen Kanone, die während des Ersten Weltkriegs in Paris aufgepflanzt war, ausgerufen haben: "C'est nous qui avons fait ça!" - Wir sind es, die das da geschaffen haben. "Nous", das waren die Kubisten, und "ça", das waren die zerstückelten Farbflächen, die das Geschütz bedeckten. Gertrude Stein, von der die Anekdote stammt, stimmte mit Picasso überein: Von Cézanne über die Kubisten ziehe sich eine direkte Linie zur Ästhetik der Tarnung, meinte sie.

Tarnung

Bei der Ausstellung im Imperial War Museum steht die Ästhetik der Tarnung im Vordergrund. Nicht schön, aber zweckmäßig ist diese Tarnung eines deutschen Soldaten.

(Foto: Foto: dpa)

Unstrittig ist, dass ausgeklügelte Tarnmethoden sich erst im Ersten Weltkrieg bei den europäischen Armeen durchsetzten, obwohl die Briten bereits von 1880 an ihre Kampfverluste in Indien erfolgreich reduzierten, indem sie ihre weißen Uniformen gegen khakifarbene eintauschten. Das Londoner Imperial War Museum untersucht in seiner Ausstellung "Camouflage" die Entwicklung dieser Tarnästhetik zwischen militärischer Notwendigkeit, Kunst und Design. Dabei stellt es kunst- wie militärhistorisch faszinierende Querverbindungen her.

Es wäre zweifellos übertrieben, zu behaupten, die Kubisten seien allein dafür verantwortlich gewesen, dass die Franzosen bereits in den ersten Kriegsmonaten begannen, Geschütze, Flugzeuge und Panzer mit täuschenden Farbmustern zu bedecken. Doch der kubistische Einfluss auf diese Bemalungen ist nicht zu leugnen.

Lucien-Victor Guirand de Scévola, ein Pariser Porträtmaler, der als Erfinder der Artillerie-Tarnung gilt und der die erste Camouflage-Abteilung der französischen Armee leitete, sagte unzweideutig: "Um den Anblick des Objekts völlig zu deformieren, musste ich die Mittel der Kubisten anwenden." De Scévola war klar, dass Soldaten und Gerät in einem Krieg, in dem erstmals in großem Umfang Flugaufklärung betrieben wurde, im freien Feld möglichst schwer einschätzbar gemacht werden mussten. Schon bald entwickelten die Franzosen - kurz darauf auch alle anderen Kriegsparteien - entsprechende Tarnstrategien.

Camo als Kampfansage

Bei kleineren Zielen lag es nahe, sie der Umgebung anzupassen: Die Mäntel der Soldaten nahmen die Schlammfarbe der Schützengräben an, glänzende Pickelhauben verschwanden unter grau-braunen Stoffüberzügen. Doch große, schwerfällige Ziele wie Geschütze und Panzer konnten nicht einfach mit der Landschaft verschwimmen. Hier kam es darauf an, die Umrisse der Objekte aus der Entfernung optisch zerfasern zu lassen und in ein möglichst unklares Ziel zu verwandeln.

Bald begann man, die bis heute verwendeten Flecken anzubringen, aber vielfach auch grelle Zickzackmuster. Der Gegenstand zerfiel in bunte, geometrische Formen, die ihn entkonkretisierten - die perfekte Verwirrungstaktik.

Ihre spektakulärste Ausprägung fanden diese Störmuster in den sogenannten "dazzle patterns". Nach verheerenden Angriffen deutscher U-Boote auf britische Schiffe begann Lieutenant-Commander Norman Wilkinson, die Flotte mit ebenso kühnen wie dekorativen Bemalungen in Schwarz, Weiß und Blau zu versehen. Die Balken, Wellen und Rhomben sollten es erschweren, vom Periskop aus die genaue Position des Schiffes einzuschätzen, und das taten sie mit Erfolg: Ein deutscher U-Boot-Kapitän wird mit der Aussage zitiert, es sei die beste Tarnung gewesen, die er je gesehen habe.

Auf diese Weise ließ die taktische Notwendigkeit Norman Wilkinson, der vor dem Krieg ein konservativer, die Avantgarde ablehnender Maler von Marine-Sujets gewesen war, zum Modernisten werden. Die im Imperial War Museum gezeigten Schiffsmodelle, mit Hilfe derer die Dazzle-Muster auf ihre Effektivität hin geprüft wurden, wirken heute wie eine Übung in seriell angewandtem synthetischem Kubismus.

Während sich der erste Teil der Ausstellung auf jene Lösungen konzentriert, die Künstler im Militärdienst für kriegerische Problemstellungen fanden, betrachtet sie im weiteren Verlauf die Auswirkungen der so geschaffenen Ästhetik auf die zivile Gesellschaft.

Ein frühes Beispiel für die Übernahme militärischer Dessins zu Modezwecken ist der "Dazzle Ball", der 1919 in Chelsea gegeben wurde. Die Dekorationen der Kostüme orientieren sich an Wilkinsons Entwürfen, was ihnen ein ausgesprochen harlekinhaftes Gepräge verleiht. So gelangt das von den Kubisten so favorisierte Harlekin-Thema in Form eines re-zivilisierten Tarnmusters wieder in seiner angestammten Umgebung an.

Tarnmuster als dekorativer Gestus

Im großen Stil entdeckt die Pop-Kultur das Tarnmuster bei den Anti-Vietnam-Demonstrationen der sechziger Jahre für sich: Veteranen, die in ihren grün-braunen Dschungel-Uniformjacken gegen den Krieg protestieren, machen den ersten Schritt hin zur Subversion der Militärfarben. "Camo" wird zur Signalfarbe des Anti-Establishments, es ersetzt die Blue Jeans als Kampfansage an die zivile Bürgerlichkeit.

Der Trend setzt sich in den Achtzigern fort, in denen die graublaue Straßenkampfmontur der US-Armee mit ihrem berühmten "Woodland"-Muster den urban guerilla look prägt, propagiert von Gruppen wie Public Enemy. Wie so oft bedient sich schon bald auch die Haute Couture bei dieser dezidierten Anti-Mode: Jean-Paul Gaultier, Paul Smith und Versace machen sich in den Neunzigern das Tarnmuster als dekorativen Gestus zueigen. Heute werden mit "Camo" Milliardenumsätze gemacht. Eine ganze Vitrine ist in London den unterschiedlichsten Utensilien gewidmet, vom Skateboard, über die Brieftasche bis hin zum Bikini, vereint im gezähmten Tarnfarbendesign.

In Reinform hat sich Andy Warhol das Täuschungsmoment zueigen gemacht, das gelungene Tarnung ausmacht. Seine Serie von "Camouflage"-Acrylbildern (1986), die einen Höhepunkt der Londoner Ausstellung bildet, entzieht sich jeder festgelegten Bedeutung. Sind diese militärischen Muster mit ihren fröhlichen Primärfarben nun eine konsequente Fortführung des Tarnprinzips, geschaffen für jene, die im Club oder im Einkaufszentrum nicht auffallen wollen? Oder weisen sie gerade auf sich selbst hin und negieren so ihren ursprünglichen Zweck? Bei Warhol wird das Kunstwerk zur reinen Camouflage: Es tarnt sich selbst.

"Camouflage" im Imperial War Museum, bis 18. November. Info: 0044 (0)20 7416 5320, Katalog 24,95 Pfund.

© SZ v. 31.8.2007
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