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Kunst und Corona:Draußen vor der Tür

Michaela Eichwalds "Au! Danke Herrin" (2018) - eigentlich jetzt zu sehen im Lenbachhaus.

(Foto: Simone Gaensheimer/Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Der Winter hätte großartig werden können. Nun droht eine ganze Kunst-Saison praktisch ungesehen im Lockdown unterzugehen - wenn nicht noch schnell gehandelt wird.

Von Catrin Lorch

An diesen Abenden auf dem Königsplatz schien die Luft warm zu sein vor Sehnsucht. Viele Menschen standen staunend vor den Projektionen, die auf der Fassade des Lenbachhauses aufscheinen ließen, was derzeit dem Publikum verschlossen ist: Gemälde der klassischen Moderne, des Blauen Reiters, Kandinsky, Münter, Marc. Und während farbiges Licht über die Fassade glitt, meinte einer der Zuschauer andächtig, dass sich die Wände doch jetzt auflösen sollten oder wenigstens durchsichtig werden.

Dass sich unter ihren Füßen noch so ein Schatz befindet, das ist den Bilderhungrigen nicht bewusst - wie auch. Die Gemälde, die im unterirdischen Kunstbau aufgehängt sind, sie wurden ja nie ausgestellt. Eine Handvoll Pressevertreter waren zur Preview der Einzelschau von Michaela Eichwald Anfang Dezember geladen, doch eröffnet wurde sie während des Lockdowns seither nicht. Dabei wären die Weite, die Luftigkeit, die da unten herrschen, so wohltuend gewesen. Eine frühlingshafte, frische Helligkeit geht von den Gemälden aus - das Licht der Scheinwerfer bricht sich an abgetöntem Weiß, kühlem Gelb und allen Nuancen von Rosa und Rot. Und weil die Michaela Eichwald statt Leinwand lieber mit Kunstleder, Plastikbahnen und Kunstfaserstoffen arbeitet, sitzen die Farben so glatt und dicht auf dem Malgrund wie Lack.

Nicht nur weil man gerade so viele Nachrichtensendungen wegschaut wie selten zuvor, hätte man ein Bild wie "Heute Journal" (2020) dringend gebraucht, das so silbrig perlt wie verschüttetes Quecksilber. In der Mitte hat sich etwas Orange verheddert, erst beim Näherkommen erkennt man, dass die pastelligen Streifen daneben zwei Arme sind, an denen zarte Händchen mit winzigen Fingern hängen. Man kann lange vor so einem vielschichtig-vertrackten Motiv stehen. Oder es im Vorbeigehen genießen, während man schon auf das nächste Format zusteuert - vielleicht die viele Meter lange, von eigenartigen Figuren bevölkerte Breitwand "Mountains" (2019) die so krass und glasklar konturiert ist wie die Figurationen von Philip Guston und auch an Polke erinnert, weil sie vollkommen ungerührt die Meterware belebt.

Das Bild "Heute Journal" (2020) von Michaela Eichwald hätte man gut brauchen können in dieser Zeit der ewigen Nachrichten (Ausschnitt).

(Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2021)

Hätte man so einen Rundgang erwartet? Michaela Eichwald ist in der Szene nicht unbekannt. Aber die im Jahr 1967 geborene Künstlerin gehört zu einer Generation, die sich lange schwertat mit dem Anspruch der Malerei, damit, dass mit Leinwand und Keilrahmen immer auch das ganz große Künstlerego vernagelt wird. Eichwald war nicht an der Akademie, sondern hat in Köln Philosophie und Kunstgeschichte studiert. Sie hat gefilmt, im Kollektiv gearbeitet und geschrieben. War in den Neunzigerjahren eng mit Kai Althoff. Und der zeigte seine Leinwände damals - wenn er sie überhaupt zeigte - gerahmt von Altkleidern, abgehängten Waschbecken und gammelndem Fleisch.

Wer sich für zeitgenössische Malerei aus Deutschland interessiert, der hat diesen Herbst mit Spannung erwartet, weil die virtuose, freihändige Kunst von Michaela Eichwald in München auf die Ausstellung der konzeptuell arbeitenden, in Kulissenmalerei ausgebildeten Lucy McKenzie im Museum Brandhorst trifft. Und weil gleichzeitig in London die seit Langem erwartete Schau von Kai Althoff in der Whitechapel Gallery gezeigt wird. Es sind solche Konstellationen, die die Kunstgeschichte voranbringen, die versprengte Karrieren zu Kapiteln der Malerei zusammenbringen.

Jetzt kann man nur hoffen, dass die Ausstellungen - falls sie überhaupt noch einmal geöffnet werden - auch von so vielen besucht werden: Museumsdirektoren tun gerade alles, um in den verbleibenden Tagen vielen den Besuch zu ermöglichen, ohne Hygiene-Bestimmungen zu verletzen. Man wird Zeitfenster schaffen, Tickets im Internet verkaufen, die Öffnungszeiten bis in die Nacht verlängern. Aber die Schau "Michaela Eichwald" endet am 16. Mai und soll danach an die Kunsthalle in Basel wandern.

In Köln wollte man Andy Warhol neu entdecken, in Stuttgart den Impressionismus. Das wird nun kaum jemand sehen

Es wird sich auf einen Moment verkürzen, was in Deutschland eine bedeutende Saison für die Kunst gewesen wäre - von der Impressionismus-Ausstellung in der Stuttgarter Staatsgalerie, die mit vielen noch nie gezeigten Werken prunkte, über den monumentalen Auftritt von Monica Bonvincini in der Kunsthalle Bielefeld (den man noch durch die Glasfenster erahnen kann). Im Museum Ludwig in Köln wollte man Andy Warhol neu entdecken, als queeren Künstler, der durchaus auch Schwarze porträtierte. Die Schau, zu der auch Filme, Videos und Installationen gehören, sollte vor Weihnachten eröffnen, sie ist seit Monaten fertig aufgebaut. Jetzt wird sie immerhin bis in den Juni verlängert - doch schon weil Folgestationen in den USA geplant sind, wird sie sich nicht noch einmal schieben lassen. Die aus all diesen Umplanungen und Ausfällen resultierenden Kosten kann man genau berechnen, auch der Rückgang der Besucherzahlen lässt sich beziffern, die Einnahmeausfälle, wo Geld verloren ging, weil Kataloge nicht verkauft wurden, Poster und Postkarten eingestampft wurden, Vorträge und Vermittlungsprogramm ausfielen.

Nicht ausrechnen lässt sich der ungeheure Verlust, der diesen Winter dem Publikum entstanden ist. Die Museen haben sich mit allen öffentlichen Kulturinstitutionen - den Theatern, den Konzerthäusern - dem Gebot der Pandemie gefügt. Doch jetzt, nach den monatelangen Schließungen, wäre es vielleicht an der Zeit, dass "systemrelevante" Lebensmittelgeschäfte, die duftenden Drogerien und die Konditoreien mit ihren wohlgefüllten Kuchentheken umgekehrt zugunsten der Kultur auf ein paar Tage Öffnungszeit verzichten. Man kann die stillen Versammlungen der Kunsthungrigen vor dem Lenbachhaus durchaus als Demonstration verstehen: Kein Mensch wird allein vom Kuchen satt.

© SZ/clu
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