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Kulturpolitik:Dichtung und Wahrheit in Zeiten der Lüge

Neben dem Autor Doğan Akhanlı und der Fotografin Shirin Neshat wurde auch der mongolische Verleger Enkhbat Roozon ausgezeichnet.

(Foto: Monsudar Publishing LLC/Goethe Institut)

Bei der Verleihung der Goethe-Medaillen wird klar: Die Bedingungen für Kulturarbeit verschlechtern sich.

Das Goethe-Institut hatte den drei Medaillen, die es alljährlich für besondere Leistungen im "internationalen Kulturaustausch" in Weimar vergibt, diesmal das Motto "Dichtung und Wahrheit" gegeben. Das geschah nicht nur, um den Namenspatron des Instituts aus Anlass seines 270. Geburtstags am 28. August zu ehren, sondern auch aus aktuellen kulturpolitischen Gründen. Von "bewusster Irreführung" sprach Klaus-Dieter Lehmann, der Präsident des Goethe-Instituts, vom "Abwürgen der Diskurse" und vom Überhandnehmen der unbegründeten Meinungen: All diesen hässlichen Entwicklungen sei mit einem verschärften Bewusstsein für "Dichtung und Wahrheit" entgegenzutreten. Lehmanns Worten war, ebenso wie der Willkommensrede von Benjamin-Immanuel Hoff, dem thüringischen Kulturminister, eine gewisse Not anzumerken: Das aufklärerische Pathos von Wahrheit und Verständigung wird offenbar nicht mehr überall als selbstverständlich hingenommen.

Diese Not ist eine ernste Sache, auch und insbesondere für die auswärtige Kulturarbeit. Denn hat das Goethe-Institut nicht Jahrzehnte für die Verständigung der Völker und Kulturen gearbeitet? Hat es nicht Dialog nach Dialog eröffnet, stets im Zeichen einer besseren, offeneren Zukunft? Und ist es nicht eine heikle Angelegenheit, wenn man nach so viel Arbeit die Frage nach "Dichtung und Wahrheit" stellen muss, so als müsste man noch einmal ganz von vorn anfangen? Es ist nicht die Aufgabe des Goethe-Instituts, dieser Frage auf den Grund zu gehen. Doch merkte man der Auswahl der Preisträger an, dass man sich ernste Gedanken gemacht hatte, wie man mit verschärften Anforderungen an die Begründung und Verbreitung von Wahrheiten umzugehen habe: Denn allen drei Preisträgern dieses Jahres ist ein Zug ins kulturell Grundsätzliche gemein.

Das gilt vor allem für den in der Türkei geborenen Schriftsteller Doğan Akhanlı, der einem größeren Publikum leider erst bekannt wurde, als er, seiner deutschen Staatsangehörigkeit zum Trotz, im Jahr 2017 in Spanien verhaftet wurde, nachdem die Türkei seine Auslieferung verlangt hatte. Seine Dankesrede kreiste um die Möglichkeiten der deutschen Sprache und darin vor allem um den Konjunktiv II, den Irrealis: "Wäre ich nicht nach Granada gefahren, stünde ich heute nicht hier." Die Möglichkeitsform, so ließ sich aus Akhanlıs Rede lernen, berührt etwas Grundsätzliches von Sprache überhaupt, insofern sie über ein ganzes Register von Formen verfügt, mit denen man sich Wirklichkeit aneignen kann, in großer Freiheit und in zahllosen Abstufungen des Realismus oder der Realitätsnähe. Die Literaturkritikerin Insa Wilke sagte in ihrer Laudatio, sie würde sich gern von Akhanlı durch die Zeiten führen lassen. Ein verständlicher Wunsch, liegt ihm doch ein Bewusstsein von Sprache als Ausdruck und Form intellektueller Bewegung zugrunde.

In Gestalt der Fotografin und Filmemacherin Shirin Neshat zeichnete das Goethe-Institut eine aus dem Iran kommende, in New York lebende Künstlerin aus, die zuerst mit Bildern auf sich aufmerksam machte, auf denen man sieht oder sehen soll, wie soziale oder religiöse Konventionen das Dasein eines Menschen bestimmen (oder auch nicht). Man versteht den Erfolg dieser Kunst, misstraut aber zugleich dem im Kunstbetrieb üblichen Lob für das "Anstoßen veränderter Wahrnehmung", mit dem Britta Schmitz, die Laudatorin, Neshat auszeichnete. Unbedingt preiswürdig hingegen ist der mongolische Verleger Enkhbat Roozon, der in seiner Dankesrede darauf bestand, dass alle Kulturvermittlung zunächst einmal Arbeit an den Grundlagen, nämlich an der Bildung, bedeute. Für ihn schloss diese Bildung den Umgang nicht nur mit Übersetzungen, sondern auch mit Drucktechniken ein. Rozoons Auftritt erinnerte insofern daran, dass Kultur zuerst in einer Arbeit an widerständigem Material besteht. Solche Erkenntnisse liegen jenseits eines kosmopolitisch überhöhten Nationalismus, von dessen Resten sich das Goethe-Institut gerade zu verabschieden scheint.

© SZ vom 29.08.2019

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