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Kulturförderung:Daheim in der Utopie

Eine stellvertretend für alle: Die Starnberger Künstlerin Elena Carr freute sich 2018 über den Tassilo-Förderpreis.

(Foto: Robert Haas)

Vor 20 Jahren hat die "Süddeutsche Zeitung" erstmals den Tassilo-Preis verliehen. Seitdem steht diese Auszeichnung für Kultur, Demokratie und Heimat im besten Sinne. Eine Betrachtung

Bayern ist ein Kulturstaat. Dieser lapidaren, aber in ihrem Anspruch unerhört fordernden These der Bayerischen Verfassung kann die Wirklichkeit meist nur hinterherhinken. Richtig ist aber auch, dass es wohl kaum eine historische Phase gegeben hat, in der nicht nur in den deutschen Metropolen, sondern auch in den Metropolregionen, ja auch in den ländlichen Räumen Kultur in einer Dichte und Qualität zu finden ist wie nie zuvor. In der relativen Wohlstandsgesellschaft, in der wir immer noch leben, können es sich viele Menschen leisten, ihre künstlerisch-kulturellen Begabungen zum Beruf zu machen oder zumindest auf hohen Niveau auszuüben. Der Konsument kann sich freuen, er kann aus einer Vielzahl von attraktiven Angeboten auswählen. Für die Kulturschaffenden hat der Boom auch Nachteile: Die Konkurrenz auf Bühnen und in Galerien ist gnadenlos, wer nicht professionell und medial auftritt, findet kaum Aufmerksamkeit.

Was für die kulturelle Szene gilt, trifft auch auf den Heimatbegriff zu. Was noch vor zehn Jahren kaum vorstellbar war, ist eingetreten: Der Heimatbegriff ist wieder "in". Kaum eine Schlagzeile, kaum eine Fernsehsendung kommt ohne ihn mehr aus. Tagungen werden darüber gehalten und ganze Bücher geschrieben. Viele Fachleute rätseln über die Ursachen dieses Phänomens. Ist es eine Gegenreaktion zur Unübersichtlichkeit, ja Bedrohlichkeit der Globalisierung? Eine unpolitische, ja unhistorische Abkehr von bedrückenden Gegenwartsproblemen unserer Industriegesellschaften? Oder ganz einfach ein Stück Lebensfreude und eine neu entdeckte Wertschätzung der überschaubaren, naheliegenden Umwelt? An allem mag ein wenig dran sein. Auf alle Fälle wird es die Herausforderung sein, das Positive, Lebensbejahende dieser Entwicklung zu nutzen und sie nicht abgleiten zu lassen in den ausgrenzenden, chauvinistischen und reaktionären Missbrauch, den der Heimatbegriff leider zu allen Zeiten auch erlebt hat und der bis heute bei Gott nicht ausgestorben ist.

Warum bei all dieser Aufmerksamkeit für regionale Kultur dann noch einen Kulturpreis wie den Tassilo-Kulturpreis der Süddeutschen Zeitung? Seit seinem Beginn im Jahr 2000 - die erste Preisverleihung fand exakt am 28. Januar im Münchner Literaturhaus statt - sind mittlerweile weit mehr als hundert Preise der unterschiedlichsten Kategorien in seinem Namen vergeben worden. Das große, überregionale Renommee, das er sich damit geschaffen hat, liegt vor allem daran, dass er kein Kulturpreis unter vielen ist. Kulturpreise, die vor allem durch Name-Dropping auffallen, sich durch bereits etablierte Namen ihrer Preisträger selbst in Szene setzen und glänzen wollen. "Der Tassilo" hingegen macht auf Kulturschaffende aufmerksam, die der Entdeckung und Förderung bedürfen, aber auch auf Etablierte, die zum kulturellen Blühen ihrer Region trotz vielfältiger, auswärtiger Verpflichtungen beitragen.

Unter dem Strich: Der Tassilo-Kulturpreis ist ein Heimatpreis im besten Sinn des Wortes. Ein Heimatpreis unter der Maßgabe, dass moderne Gesellschaften unterschiedliche Kulturen, ja auch unterschiedliche Heimaten generieren, die sich aber nicht in Ghettos zurückziehen, sondern miteinander in kreative Kommunikation treten sollen. Jeder von uns trägt diese Vielfalt in sich, sowohl in topografisch-politischer, wie auch in seelisch-geistiger Hinsicht. Der Tassilo-Preis hat in der Vergangenheit einen weiten Blick auf Menschen, Gruppen und Initiativen bewiesen. Kulturschaffende, denen ihre regionale Verwurzelung nicht egal, sondern Voraussetzung ihrer künstlerischen Existenz ist.

In diesem Sinn ist der Tassilo-Preis auch ein Entdeckerpreis. Er kann bereits auf eine ganze Reihe von Namen zurückblicken, die erst nach ihrer Würdigung durch seine Jury zu Ruhm und Ehre gelangt sind. Man sieht nur, was man weiß, sagt ein Sprichwort. Abgewandelt könnte man sagen: Man hört und sieht plötzlich, wovon in den Medien die Rede war. Bereits die Artikel über die Kandidaten, die keinen Preis erhalten, sind für viele schon eine freudig entgegengenommene Würdigung und Förderung.

Und: Der Tassilo-Preis ist ein Demokratie-Preis. Alle Bürgerinnen und Bürger können Vorschläge machen, über die eine unabhängige Jury in langen Sitzungen befindet. Das demokratische Ringen um die besten Lösungen durchzieht alle Regionen des Verbreitungsgebietes und könnte so manchem politischen Entscheidungsprozess gutes Vorbild sein.

Dem Heimatpfleger sei es gestattet, die eingangs aufgestellte These, wonach Kultur und Heimat unabdingbar zusammen gehören, nochmals aufzugreifen. Im Jahr 1977 veröffentlichte der Physiker und Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker den Band "Der Garten des Menschlichen" und lenkte damit den Blick auf den gefährdeten Lebensraum Erde. Es ging Weizsäcker bereits damals um eine Sensibilisierung für die Vielgestaltigkeit und Verletzlichkeit unseres politischen und ökologischen Zusammenlebens. "In einem Garten gibt es Wege", so schreibt er, "und ein verständig angelegter Garten zeigt von jedem Blickpunkt aus ein jeweils anderes, sinnvolles Bild." Unseren Lebensraum mit dem Bild des Gartens zu charakterisieren, ist nicht neu. Bereits die Schöpfungsgeschichte weist dem Menschen einen Garten als Handlungsraum zu, den er sorgfältig zu schützen und zu bewahren habe. Die Schönheit, aber auch die Gebrochenheit des "Gartens Erde" ist seither ständiges Thema von Literatur, Philosophie und Weltreligionen.

43 Jahre sind seit Weizsäckers Analyse vergangen. Die Welt hat sich, zumal seit dem Fall der Mauer und der immer deutlicher erfahrbaren Globalisierung, fundamental verändert, manche ehedem brisante Themen sind in den Hintergrund gerückt - doch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft, zwischen den menschenrechtlich-demokratischen Ansprüchen des Einzelnen und den realpolitischen Wirklichkeiten vieler Staaten hat weltweit an Dringlichkeit eher zugenommen. Weizsäcker hatte globale Lebensräume im Blick. Liegt es aber nicht auf der Hand, dass das Bild vom "Gartens des Menschlichen" auch auf jenes Phänomen anzuwenden ist, das wir "Kultur" und - dem Heimatpfleger des Bezirks Oberbayerns sei's erlaubt - "Heimat" nennen? Kultur und Heimat haben viel miteinander zu tun. Nicht nur, dass es sich bei beiden um sehr diffuse Begriffe handelt, die zu vielfachem Missbrauch Gelegenheit bieten - und daher nicht von jedem geliebt sind. Heimat und Kultur bedingen aber einander, ob man nun diese Begriffe verwenden will oder nicht.

Die moderne Gesellschaft pendelt, soweit sie überhaupt den Begriff Heimat verwendet, zwischen zwei unterschiedlichen Heimatbegriffen: dem topografisch und dem nicht-topografisch, daher auch "u-topisch" genannten Begriff. Entwickeln die Anhänger von ersterem eine emotionale Nähe zu bestimmten Orten und Landschaften, suchen Zweitere ihre Vernetzung und Verwurzelung in eher abstrakten Gebilden wie Szenen und Netzwerken, Scientific Communities und Internetforen, aber auch in Literaturen, Musikszenen, Theater- und Museumslandschaften, also in allen Erscheinungsweisen der Kultur. Künste und Kulturen können Heimat für Menschen sein, die nie eine Nähe zu topografischen Heimaten gehabt oder diese aus verschiedenen Gründen verloren haben.

Bei aller Unterschiedlichkeit von topografischer und utopischer Heimat, von topografischer und utopischer Kultur bleibt eine Gemeinsamkeit, die direkt zu unserem Generalthema, der Bedeutsamkeit des Tassilo-Preises zurückführt. Jede Heimat und jede Form von Kultur lebt von Menschen, die sich für sie einsetzen. Beide Formen menschlicher Identitätsfindung werden nur überleben und gedeihen, wenn die, die dafür geradestehen, von der Gesellschaft wertgeschätzt und gewürdigt werden.

Der Tassilo-Kulturpreis hat seit 20 Jahren Menschen im Blick, die für eine menschenwürdige Kultur und für eine lebenswerte Heimat im 21. Jahrhundert eintreten. Vielleicht auch eintreten für das, was Carl Friedrich von Weizsäcker mit dem "Garten des Menschlichen" gemeint hat. Oder, wie es sein Bruder Richard von Weizsäcker einmal formulierte: "Kultur ist kein Luxus, den wir nach Belieben auch streichen können, sondern der geistige Nährboden, der unsere innere Überlebensfähigkeit sichert."

Wenn es den Tassilo-Preis nicht seit 20 Jahren gäbe, müsste man ihn erfinden! Hier und heute. Ad multos annos!

Norbert Göttler ist Heimatpfleger des Bezirks Oberbayern und sitzt seit vielen Jahren in der Jury des Tassilo-Kulturpreises.

© SZ vom 28.01.2020
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