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Kultur:Grundnahrung

Die Kulturbranche wird von der Pandemie heftig getroffen. Künstler und Veranstalter kämpfen um ihre Existenz. Dabei gehören Musik, Museen und Schauspiel unbedingt zum Leben.

Von Kia Vahland

Illustration: Stefan Dimitrov

Manchmal wandeln sich die Dinge einfach und dann findet sich der Mensch in einer neuen Situation wieder, ob er den Mut dafür gehabt hätte oder nicht. Er kann nun ohne zu überlegen mit dem Strom schwimmen. Er kann sich auch in Nostalgie flüchten und an etwas festhalten, was schon im Verschwinden begriffen ist, kann abstreiten, was Sache ist. Oder aber er versucht die Gegenwart zu begreifen, hält die Unsicherheit aus, positioniert sich neu und entscheidet, was er mitmachen will und was lieber nicht.

Was tun? Fragen sich viele in dem aktuellen Gemisch aus Gesundheits-, Wirtschafts- und Klimakrise plus Populismus, um nur einige Faktoren des rasanten Wandels zu nennen, der das große Ganze wie den kleinen Alltag erfasst hat. Es gibt die Alles-Mitmacher, die Leugner und dann noch diejenigen, welche die Lage genau und kritisch anschauen und sich mutig auf die Suche nach eigenen Handlungsoptionen machen. Jene sind es, die am dringendsten Unterstützung brauchen aus einem Sektor, der selbst gerade ordentlich durchgeschüttelt wird: der Kultur.

Denn Musikerinnen, Künstler, Literatinnen, Regisseure, Tänzer und Schauspielerinnen sind nicht dafür da, abzulenken von der Welt, Illusionen heraufzubeschwören vom heilen Gestern, einzulullen in schönen Schein. Noch weniger ist es ihr Job, die Leute dazu zu bringen, im Takt der Gegenwart ohne zu murren mitzumarschieren.

Kunst, Theater, Musik, Literatur, Filme können mehr: Denkräume öffnen, Distanz schaffen zur Gegenwart, sie auf der Bühne, im Buch, im Bild auseinandernehmen und spielerisch neu zusammensetzen. Dabei vereinzelt Kultur ihre Rezipienten nicht, sondern bringt sie zueinander, im Saal wie im öffentlichen Diskurs. Sie kann alles sagen, alles ausprobieren, alles fantasieren, weil sie in demokratischen Gesellschaften keinem anderen Zweck unterworfen sein sollte als sich selbst. Sie muss niemanden verherrlichen, kein bestimmtes Körperideal vortanzen, für keinen Krieg trommeln, nichts schönreden. Sie stiftet Gemeinschaft und ist im weiten Sinn der Allgemeinbildung verpflichtet, hat aber keinen Erziehungsauftrag. Solange sie auf dem Boden des Grundgesetzes wächst, geht alles. Sie kann auch (und muss das manchmal) die öffentliche Hand beißen, die sie füttert. Kritik gehört zur Kunst, das unterscheidet sie von Propaganda.

Im Kulturbetrieb können mehr Arbeitsplätze verlorengehen als in manchem Industriezweig

Immer wieder kommt es dennoch vor, dass Politiker sich mit dem Heraushalten schwertun und die Kultur auch deshalb fördern, weil sie sich erhoffen, diese möge demokratische Werte durchsetzen, etwa in der Außenpolitik oder im Landesinneren in Gegenden, in denen Rechtsradikale wüten. Das funktioniert nur bedingt. Es ist schön und richtig, Museen in Afrika und Kulturzentren in strukturschwachen deutschen Gegenden nach Kräften zu unterstützen, aber dann muss man sie auch machen lassen. Das Einzigartige am demokratischen Kulturbegriff ist ja nicht, was Kultur vermitteln soll, sondern gerade der Verzicht der politischen Klasse darauf, sie zu instrumentalisieren.

Viel Geld für Kleinkunst, Opern, Ausstellungshallen und Literaturhäuser bereitzustellen, ohne dafür eine messbare Gegenleistung zu bekommen, ein bestimmtes Ergebnis erwarten zu dürfen, fällt Haushaltspolitikern gerade in Krisen nicht immer leicht. Ist nicht alles andere dringlicher? Sind nicht die Kassen leer, weil in der coronabedingten Wirtschaftskrise Firmen weniger Steuern zahlen, gleichzeitig aber alle finanzielle Hilfen wollen? Und hat das Volk nicht größere Probleme als sich zu sorgen, wie viele Veranstalter und Musiker pleitegehen, wie viele Museen ihre Ausstellungen absagen, wie viele Theater virenfeindliche Belüftungssysteme brauchen, wie viele Konzertsäle leer stehen?

Das ist kurzsichtig. Erstens ist der Kulturbetrieb nicht klein, hier können mehr Arbeitsplätze verloren gehen als in manchem Industriezweig. Weil zahlreiche Kulturmenschen selbständig, prekär beschäftigt oder nicht gewerkschaftlich organisiert sind, fällt das nur nicht so schnell auf, wie wenn Fabriken in der Metallindustrie Kurzarbeit anmelden oder Modeketten Mitarbeiter entlassen.

Politiker unterstellen gerne, Künstler lebten vom Idealismus, nicht vom Geld - wie sonst konnte es passieren, dass im Frühjahr so wenige Hilfen für Solo-Selbständige bewilligt wurden und nun, angesichts der dramatischen Schließungen, Auftritts- und Kontaktverbote im November, Künstler um ihre Existenz bangen?

Die Kunst versteht sich auf Kritik. So kann sie helfen, sich in der Krise neu zu verorten

Zweitens ist die Irritation gerade dieses Krisenjahres ohne die Ideen aus der Kunst gar nicht zu verarbeiten, geschweige denn umzuwandeln in Impulse für die Zukunft. Die Abstandsgebote werfen die Leute auf sich und ihren Nahbereich zurück. Wer sich früher von der Kollegenherde bestätigt sah, kann nun im Home-Office der Zimmerpflanze von seinen einstigen Erfolgen erzählen. Wer im Januar noch Freizeitstress hatte, kann sich im November beim verregneten Spaziergang Sinnfragen stellen. Und wer sein Kind im Jahr 2019 gerne mit Judo und Chorsingen gruppendynamisch forderte, muss es in 2020 daheim mit Brettspielen und Youtube bei Laune halten.

Die plötzliche Häuslichkeit, die Ein- oder Zweisamkeit hält nicht jeder und jede gut aus. Erst im Kulturellen, in Büchern, Filmen, vor Bildern, bei den Debattenabenden auf Zoom der Literaturhäuser und Akademien und in den sozialen Medien wird eine Gemeinschaftserfahrung daraus.

Das begann mit dem Balkonsingen der in ihre Häuser eingesperrten Italiener im März, als auf dem Münchner Viktualienmarkt noch Proseccogläser geteilt wurden und an der Alster die Skiheimkehrer ihren Freunden Küsschen gaben. Als dann in Deutschland die Geschäfte und Konzertsäle schlossen, spendierten einige Starmusiker der Öffentlichkeit ihre Kunst. Auf Twitter gab der Pianist Igor Levit Gratiskonzerte, auf Instagram spielte der Organist Cameron Carpenter auf, der auch mit einem Lkw vor die abgeriegelten Altenheime fuhr und auf der Ladefläche vor geöffneten Fenstern spielte. Niemand sollte zurückbleiben. Die Kunst zeigt sich solidarisch und inklusiv.

Das ist auch deshalb lebensnotwendig, weil die Kultur gerade in der Not existenziell wirksam sein kann. Menschen in Extremsituationen, Häftlinge etwa, berichten im Nachhinein oft, wie es ihnen beim Überleben geholfen habe, Musik zu hören, Gedichte zu schreiben, kulturelle Erfahrungen mit anderen zu teilen und so dem kümmerlichen Istzustand beizukommen. Kunst ist eine Hoffnungsträgerin; sie stärkt das Immunsystem des Einzelnen wie einer Gruppe.

Nun gerät man wegen einer vorgezogenen Sperrstunde oder Homeoffice noch nicht gleich in tiefe Not. Manche aber verlieren gerade ihre Jobs, sind häuslicher Gewalt ausgesetzt, trauen sich mit Schmerzen nicht zum Arzt, ertragen die Stille der Singlewohnung nicht. Oder sie arbeiten in Risikoberufen. Was soll da Mut machen, wenn nicht Bücher, Opernaufzeichnungen, Musikstücke, die erzählen, in welch unheilvolle Situationen andere gerieten und um ihren Selbsterhalt kämpften?

So findet auch die Kunst zu sich selbst, zu ihrem Sinngehalt zurück. Um großes Geld geht es ihr im Augenblick nicht mehr nur.

Die Kultur kann auch nicht mehr gar so gnadenlos kommerziell sein, wenn sie - was ein ökonomisches Problem ist - ihre Kosten nicht mehr an das Publikum weitergeben kann. Der Einbruch der Blockbuster im Kino ist bedauerlich für die beteiligten Firmen, Regisseure, Schauspieler, er ist tragisch für Kinobetreiber. Wenn aber lokale Produktionen mehr Aufmerksamkeit bekommen und wenn im Internet diverse neue Formate von neuen Akteuren reüssieren, dann dient das der Vielfalt.

1,5 Millionen

Menschen arbeiten bundesweit in der Veranstaltungsbranche. Damit ist sie der sechstgrößte Wirtschaftszweig in Deutschland. Bei den Beschäftigtenzahlen liegt die Branche sogar auf Platz zwei. Das sind Zahlen der Studie "Die gesamtwirtschaftliche Bedeutung der Veranstaltungsbranche" des Research Institute for Exhibition and Live-Communication (RIFEL). Demnach werden knapp 130 Milliarden Euro im Jahr direkt durch Events wie Messen, Kongresse, Ausstellungen, Kultur-, Sport- und Freizeitveranstaltungen umgesetzt.

Aber auch Gastronomie, Hotellerie, Verkehrsträger und Reiseveranstalter machen wesentliche Umsätze durch die Veranstaltungsbranche, die auch Kommunen und Regionen einen Großteil ihrer Einnahmen beschert.

Und wenn nicht mehr alle auf wenige große Galerien schielen und darauf, wer in welcher Koje auf welcher internationalen Kunstmesse verkauft, dann kann das womöglich in der Folge Künstlern und Händlern mit weniger Beziehungen und weniger Geld zu mehr Sichtbarkeit verhelfen. Die anderen, die schon Berühmten und Reichen, finden ohne all die Dinner und Reisen vielleicht endlich wieder mehr Muße zum Kunstmachen ohne vorauseilende Verkaufsstrategie.

Der Wolkenbruch der Wirtschaft, all die Ansteckungsängste und Einschränkungen sind eine enorme Gefahr für das Kulturleben. Es ist ja nicht gesagt, dass es im Sommer wieder ausverkaufte Säle, große Veranstaltungen und Festivals geben wird und dass dann noch alle da sind. Im Unwetter aber tanzen die einen oder anderen gerade ein wenig im Regen und waschen sich dabei die Staubschichten von den Kleidern.

Die Kustoden nutzten die Zeit und entwarfen Rundgänge ohne Gedrängel

Museumsleute ärgerten sich über die frühe pandemiebedingte Schließung vieler Häuser, die vor allem eine mahnende Geste der Politik an die Bürgerinnen und Bürger war: Seht, es ist ernst, der Staat schließt sogar seine Kunsttempel. Dann aber nutzten die Kustoden die Zeit und entwarfen Rundgänge ohne Gedrängel, was Werken und Menschen auch ohne Seuchengefahr guttun kann.

Und sie trieben endlich die Inventarisierung und Digitalisierung ihrer Bestände voran, so dass bald weit mehr abrufbar sein wird als noch vor einem Jahr. Das ersetzt das Kunsterlebnis vor dem Original ganz und gar nicht - aber es kann Werke bekannter machen und sie Interessierten näherbringen, die Hemmungen haben, ins Museum zu gehen, oder die gerade nicht reisen können.

Und da auch Ausstellungsmacher in Zeiten der Risikogebiete und Quarantänemaßnahmen nicht mehr ständig um die Welt reisen, konzentrieren sie sich nun stärker auf ihre eigenen Sammlungen als auf Leihgaben von weit her. Das muss nach Corona nicht so bleiben: Es wäre schade um manchen Erkenntnisgewinn, gäbe es gar keine Wanderstücke und damit keine neuen Gegenüberstellungen der Werke mehr. Doch zuletzt war der Ausstellungszirkus überhitzt; es reisten auch fragile alte Holztafeln ohne Not um die halbe Welt, nur weil das noch ein bisschen mehr Geld und Ansehen versprach - während die ständigen Sammlungen voller Schätze halb leer blieben. Das könnte sich nach Corona ändern. Und verbessern.

Am härtesten trifft die Pandemie die Bühnen und Orchester, sie sind in ihrer Existenz gefährdet, wenn Auftritte ausfallen oder nur wenige Karten verkauft werden dürfen aus Angst vor Ansteckung. Die Theater und Konzerthäuser sind besonders auf den Durchhaltewillen der Politik angewiesen und, sollte dieser ausbleiben, auf den Protest des Publikums.

Die Kunst tut nicht, was man von ihr will. Wer ihr offen begegnet, wird beschenkt

Die missliche Lage führt bei manchen Bühnenmenschen dazu, das Glück im Unglück zu suchen und zu überlegen, wie ihre Institutionen noch mehr Menschen erreichen. Die neue Intendantin der Münchner Kammerspiele, Barbara Mundel, denkt so in einem SZ-Interview über Theaterstücke im Stadtraum und verbilligte Karten nach und fragt: "Wollen wir wirklich zurück? Und wenn ja, wohin denn genau?"

Das ist eine größere Frage als die nach der Zahl der Sitzplätze auf dem Theaterparkett. Sie betrifft die gesamte Gesellschaft und die Erde auch. Wollen wir wirklich zurück in die alte Gschaftlhuberei, das viele Anstehen am Flughafen und vor den Umkleidekabinen im Kaufhaus, zurück in den haltlosen Ressourcenverbrauch, die Zeitverschwendung und Rücksichtslosigkeit? Und wenn nicht das, was dann?

Für solche weitreichenden Fragen ist die Kunst da. Sie kann denen helfen, die eben nicht so tun wollen, als wäre nichts gewesen in diesem merkwürdigen Jahr, als ließe sich einfach zurückkehren in das alte Leben mit alldem, an das man sich eher gewohnt hatte als dass man sich immer aktiv dafür entschied. Und die andererseits keine Lust haben, sich zu ergeben in die Logik der Sachzwänge, in die neue Vereinsamung durch Abstandsgebote, in die Spirale von Konsum und Arbeitsverdichtung, von ökonomischer Unsicherheit und Sparzwang.

Kunst und Kultur wirken vielleicht noch nicht immer überall schichtenübergreifend, doch das ändert sich womöglich gerade. Sie ist aber jetzt schon lagerübergreifend. Auch die Wertkonservative tut sich das zeitgenössische Aktionstheater an, auch der Klimademonstrant profitiert von Goethes Faust. Denn Kunst ist, wenn sie gut ist, nicht eindimensional, sondern intensiv und bedeutungsoffen. Sie ist deshalb anschlussfähig für neugierige Menschen mit unterschiedlichen Prägungen, die bereit sind, sich an etwas zu reiben. In Zeiten immer härterer Abgrenzung, immer grellerer Dispute um politische Lager kann das befriedend wirken.

Von Katzen und Kindern soll man nicht erwarten, dass sie einen zufriedenstellen. Dafür sind sie nicht auf der Welt. Auch die Kunst lässt sich am besten genießen, wenn man ihr offen begegnet, sich überraschen lässt, sie fördert. Wer das tut, wird beschenkt. Er oder sie findet Bilder und Erzählungen, die auch im Wandel der Zeiten Bestand haben, weil sie vom Menschsein handeln und nicht nur vom Zwang.

© SZ vom 06.11.2020
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