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Kultur:"Der Markt hat sich völlig verschoben"

Seit 40 Jahren führt Bernd Klüser seine Münchner Galerie, mittlerweile auch an einem zweiten Standort. Angefangen hat alles mit Joseph Beuys - und dann kam auch noch Andy Warhol

Es war, wie man so schön sagt, der Beginn einer wunderbaren Freundschaft", erinnert sich Bernd Klüser an die erste Begegnung mit Joseph Beuys vor bald 50 Jahren. Einer Freundschaft, die bis ans Lebensende des Künstlers 1986 hielt und zu einer der Säulen des Erfolgs des Münchner Galeristen wurde. Die andere ist Andy Warhol, der 1980 dazu kam. Schon zu Beginn der Zusammenarbeit schuf der ein paar typische Warhol-Siebdrucke des Galeristen, die dieser bei sich zu Hause an die Wand hängte. Was darunter geschah, könnte man als Gipfeltreffen von Beuys und Warhol auf dem Sofa bezeichnen.

2018 feiert die Galerie Klüser ihr 40-jähriges Bestehen. Nicht nur mit großen Ausstellungen von Beuys und Warhol, sondern erstmals auch mit einer Präsentation von Anish Kapoor in beiden Klüser-Galerien. Der britische Künstler ist nach der großen Ausstellung im Haus der Kunst 2007 nun erstmals wieder mit einer Einzelausstellung in München zu sehen.

Doch bevor Bernd Klüser Beuys und viele andere Künstler kennenlernte und es 1978 zur Gründung der Galerie kam, sah es so aus, als ob er einen ganz anderen beruflichen Weg einschlagen würde. 1945 in Wuppertal geboren, zog es ihn 1968 nach München, wo er begann, Jura zu studieren. "Ich mochte Jura, weil es einem zu jener Zeit viele Wege offen ließ", erinnert er sich, "außerdem beruhigte es meine Mutter und meine Schwiegermutter, denn ich war früh verheiratet und hatte zwei kleine Kinder". Bereut habe er das Jurastudium nie und nach dem Abschluss standen ihm viele Wege offen. Fast 40 Jahre war er als Anwalt zugelassen, "ich habe nie einen Prozess verloren - weil ich auch nie einen geführt habe", erzählt er schmunzelnd.

Gipfeltreffen auf dem Sofa: In der Wohnung von Bernd und Verena Klüser in München kamen 1980 unter den Warhol-Siebdrucken des Hausherrn Andy Warhol, der Sammler und Galerist Hermann Wünsche und Joseph Beuys zusammen (von links).

(Foto: Angela Neuke / Galerie Klüser)

1968 erwarb er eine Zeichnung von Beuys und wurde Stammgast in der Galerie von Heiner Friedrich in der Maximilianstraße. Mit ihm machte er einzelne Projekte: "Damals konnte man noch fünf große Bilder von Cy Twombly für 55 000 Dollar kaufen." So lernte Klüser viele Künstler kennen wie Gerhard Richter, Blinky Palermo, Georg Baselitz, Gilbert & George, Sigmar Polke, und eben auch Beuys. Schon bald tat er sich mit seinem Mitstudenten Jörg Schellmann zusammen, der "mit wenig Geld, aber viel Enthusiasmus", wie Klüser sagt, Druckgrafiken in limitierter Auflage verlegte. Beuys fanden beide gut. "Wir waren nicht Beuys-gläubig" erzählt Klüser, "aber seinen ganzheitlichen Ansatz haben wir uns zu eigen gemacht". So fingen sie an, Editionen und Multiples von Joseph Beuys zu verlegen.

Und dann brachten sie mit einer Präsentation das ins Rollen, was für die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst in München ein sogenannter Meilenstein war: 1976 arrangierten sie in der provisorisch hergerichteten Unterführung bei der Kreuzung Altstadtring-Maximilianstraße, dem heutigen Maximiliansforum, Beuys Environment "Zeige deine Wunde". Davon war Armin Zweite, damals Direktor des Lenbachhauses, so beeindruckt, dass er sich für den Erwerb einsetzte. Dieser Ankauf für das städtische Museum führte 1979 zu Aufruhr, Beschimpfungen, Demonstrationen, Entlassungs- und Rücktrittsforderungen gegen Zweite und den damaligen Kulturreferenten Jürgen Kolbe. München hatte seinen handfesten Kunstskandal. Klüser erinnert sich: "München war damals sehr konservativ, mit jeder Beuys-Aktivität hat man provoziert."

VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Mit neuen Arbeiten des britischen Künstlers Anish Kapoor wie der Gouache "Untitled" beendet die Galerie Klüser ihr Jubiläumsjahr.

(Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2018)

Die Entscheidung für die Galeristenlaufbahn sei ihm leicht gefallen. "Auch weil ich sehr von meiner Frau unterstützt wurde, die jahrzehntelang an meiner Seite in der Galerie arbeitete." Die hatte Klüser 1978 gegründet: Eine Etage in der Maximilianstraße 12, wo schon die Edition angesiedelt war. Die Miete für 120 Quadratmeter lag bei etwa 1000 Mark. "Damals war die Maximilianstraße richtig, dort konzentrierte sich alles." 1985 trennten sich die Wege von Schellmann und Klüser und dieser sich bald auch von der Maximilianstraße. "Zu jener Zeit wurde die Maximilanstraße zur Schickimicki-Meile." Klüser fand andere schöne Altbau-Räume in der Georgenstraße, 2002 zusätzlich die in der Türkenstraße. Künstler wie Christian Boltanski, Tony Cragg, Jan Fabre, Alex Katz und Sean Scully sind im Lauf der Jahre hinzugekommen. In der Türkenstraße zeigt man zumeist jüngere Positionen, Künstler wie Bernardí Roig, Jorinde Voigt, Isca Greenfield-Sanders, Natalia Załuska, Lori Nix, Gregor Hildebrandt und Constantin Luser. "Sich der aktuellen zeitgenössischen Kunst zu öffnen, ist ein Muss, sonst geht's auch nicht weiter", ist Klüser überzeugt.

Anfang der Nullerjahre trat seine Tochter Julia als Partnerin ins Geschäft ein. Alles schien darauf hinzudeuten, dass die Kunsthistorikerin in die Fußstapfen des Vaters treten würde. Doch nach zehn Jahren entschied sie sich, einen anderen Weg zu gehen und wurde Heilpraktikerin. "Eine Galerie kann man auch nicht vererben." Zu persönlich seien die Beziehungen zu Künstlern, Sammlern, Museumsleuten. Rückblickend hält Klüser München für ein eher "schwieriges Pflaster" für eine Galerie. Die Stadt sei anders als Köln im Rheinland ohne Einzugsgebiet. "Internationale Sammler, die in München sitzen, kaufen auch international", ist seine Erfahrung.

Bernd Klüser pflegt auch nach mehr als 40 Jahren im Geschäft den persönlichen Umgang mit Künstlern, Sammlern und Museumsleuten.

(Foto: Timothy Greenfield-Sanders)

2014 erhielten er und seine Frau Verena das Bundesverdienstkreuz, vor zwei Jahren wurde er in Basel mit dem Preis des Europäischen Galeristenverbandes für beispielgebende und nachhaltige Kunstvermittlung ausgezeichnet, wurde aber im selben Jahr auf der Messe, auf der er jahrzehntelang ausgestellt hatte, ausjuriert. Seither nutzt er nur noch den Messestandort Köln. "In den Achtzigerjahren haben wir fast die Hälfte des Jahresumsatzes in Basel gemacht, die andere Hälfte mit Museen. Der Markt hat sich völlig verschoben. Die großen Blockbustergalerien machen das meiste. Nur ein kleiner Teil bleibt für die kleinen Galerien, die sich das teilen müssen", resümiert Klüser. Auch die Zusammenarbeit der Galerien habe sich verändert. Früher habe man respektiert, "welcher Galerist welchen Künstler wo vertritt". Heute würde "mit viel härteren Bandagen" gekämpft.

Bernd Klüser ist nicht nur Galerist, sondern auch Sammler und Autor. Neben vielen Katalogbeiträgen hat er Bücher über Ernst Jünger und Hans-Georg Gadamer geschrieben. Was er als Sammler über die Jahrzehnte an Zeichnungen von der Renaissance bis heute zusammengetragen hat, ist hochrangig und wurde in mehreren Museen ausgestellt. Vieles aus seiner umfangreichen Beuys-Sammlung, die schon lange als Dauerleihgabe in der Pinakothek der Moderne war, hat er dem Museum geschenkt. Dass die Museen keine Ankaufsetats mehr haben, hält er für eine Katastrophe: "Der Staat muss mehr gefordert werden. Es reicht nicht, ein Gebäude hinzustellen und dann zu sagen, schaut, wie ihr zurecht kommt."

Auch mit 73 denkt Bernd Klüser noch nicht ans Aufhören. Noch immer sei das Galeristendasein für ihn "eine ganz große Freude und Befriedigung." Und über seine derzeitige Situation sagt er: "Die Hauptsaison ist zwar vorbei, aber die Nachsaison hat ja auch noch schöne Tage."