Künstliche Intelligenz Barbiepuppe und digitaler Drache

Können Computer kreativ arbeiten? Zwei Ausstellungen zeigen die Hässlichkeit und Dummheit von künstlicher Kunst. Für das Verständnis der KI taugen diese Arbeiten allerdings mindestens so gut wie Film oder Literatur.

Von Andrian Kreye

Kreativität ist eine Eigenschaft, die den Menschen ähnlich wie Sprache, Geist und Gefühle vom Rest der Natur unterscheiden soll. Und weil in der Debatte um künstliche Intelligenz (KI) immer auch ein gefühlter Showdown zwischen Mensch und Maschine mitschwingt, betrachtet man Kunst, die von künstlichen Intelligenzen geschaffen wurde, mit dem Argwohn des Kombattanten. Gibt es da vielleicht einen Sieger?

Zwei Ausstellungen haben in diesem Jahr den aktuellen Stand dieses Zweikampfs abgebildet. Im NRW Forum gibt es eine Gruppenausstellung, die gleich neun Positionen der Kunst zur KI liefert. In der Serpentine Gallery in London gab es dagegen eine Arbeit zu sehen, die einen sehr grundsätzlichen Anspruch formulierte, und deswegen noch einmal behandelt werden muss, auch wenn sie nur noch in den Videoarchiven des Netzes existiert.

Der amerikanische Künstler Ian Cheng beschäftigt sich seit Beginn seiner Laufbahn mit digitalen Ausdrucksformen. Als sein Förderer Hans Ulrich Obrist, Kurator der Londoner Serpentine Gallery, im Frühjahr einen Preis von der amerikanischen Vereinigung der Kunstschätzer verliehen bekam, wählte er Cheng als Partner für das Bühnengespräch. Obrist hatte Cheng sehr bedacht ausgewählt, steht er doch für einen selbsterklärten Epochenbruch in der Kunstgeschichte.

In diesem Frühjahr stellte die Serpentine Gallery gerade Chengs "BOB" aus, ein Kunstwerk, das auf der künstlichen Intelligenz sogenannter game engines basierte, also den selbstlernenden Algorithmen aus Computerspielen. "BOB" stand für bag of beliefs, grob übersetzt, ein Haufen Glaubensformen. BOB bestand aus drei raumhohen Videoschirmen, auf denen sich ein orangefarbenes, digitales Wesen drehte, wendete, aufrichtete und wieder zusammenkauerte. Das Wesen wirkte wie ein krude generierter Drache oder Raupe.

Der Bruch mit der Kunstgeschichte, so Cheng, sei die Tatsache, dass BOB nichts repräsentiere, sondern projiziere, es werde keine Vergangenheit oder Gegenwart abgebildet oder abstrahiert, sondern eine Zukunft in den Raum gestellt. Das orangenfarbene Wesen sei auch kein Werk des Künstlers, sondern seine Kreatur, die sich in jedem Moment ihres Daseins neu erschafft, weil sie ihre Umwelt wahrnimmt, mit den Betrachtern kommuniziert, all das speichert, sich erinnert und sich so verändert.

"Die Lebendigkeit eines Kunstwerks ist für mich der Kern, denn nur, wenn wir mit Lebendigem konfrontiert werden, können wir verstehen, was hinter dem liegt, was sie repräsentieren oder symbolisieren, können Widersprüche hinnehmen und die Komplexität verstehen, die sie ausmacht", sagte Cheng. Die Kunstschätzer nahmen es mit Gleichmut. Auf dem Markt haben solche Experimente noch keinen Wert. Die endlos reproduzierbare Kunst hatte es bei ihnen schon immer schwer. Die Preise für Grafik-, Foto- und Videokunst müssen immer noch mit erzwungener Verknappung in die Höhe getrieben werden, wenn sich der Künstler zum Beispiel vertraglich dazu verpflichtet, nur zehn Abzüge von einem Negativ herzustellen, oder nur drei Kopien eines Kunstvideos zu produzieren. Wie aber soll der Markt mit einem Werk umgehen, dass sich nicht nur beliebig digital klonen lässt, sondern sich auch noch durch Kontakt mit dem öffentlichen Raum eines Museums oder einer Galerie selbständig fortentwickelt?

Für das Verständnis der künstlichen Intelligenz taugt Kunst mindestens so gut wie Film oder Literatur, die sich beide schon lange mit KI auseinandersetzen. Kunst bringt den aktuellen Stand einer neuen Technologie sogar noch näher, weil die Künstler mit Dingen eine neue Ausdrucksform finden müssen, mit denen sie handwerklich noch gar nicht umgehen können.

Eine andere Künstlerin aus Hans Ulrich Obrists Kreis sieht künstliche Intelligenz auf ihrem aktuellen Stand deswegen kritisch. Immer wieder beharrt die Münchner Kunstfilmerin Dito Speyer darauf, dass die Menschheit es bei KI keineswegs mit Intelligenz, sondern mit "künstlicher Dummheit" zu tun hat: "Momentan ist künstliche Dummheit in der Form von Bots und dysfunktionaler Automatisierung die real existierende Version der KI, genauso wie der real existierende Ostblock die real existierende Form des Kommunismus war. Künstliche Dummheit ist trostlos, albern und treibt einen zum Wahnsinn. Sie ist gesellschaftlich gefährlich, weil sie Jobs und Einkommen zerstört. Sie ist allerdings AR - actual reality (effektive Realität) und keine beschönigte Investoren-Utopie."

Solche Fragen geben die Debatte um künstliche Intelligenz perfekt wieder

Nimmt man die Künstler wörtlich, dann zeigen ihre Werke also nicht nur den aktuellen Stand, sondern auch eine erste Ahnung der Zukunft des Umgangs mit künstlicher Intelligenz. Betrachtet man sie nach den Kriterien, mit denen Kunst bisher beurteilt wurde, zeigt sich dann frei nach Ito Steyerl zunächst einmal die Dummheit, nach Ian Chengs Theorie die hässliche Fratze der KI. So wegweisend Chengs BOB sein mochte, so hässlich war er auch.

Chengs BOB ist kein Einzelfall. Das NRW Forum in Düsseldorf zeigt derzeit eine Ausstellung mit neun Werken, für die Künstler aus Europa und Amerika KI benutzten. Was da zu sehen ist, bestätigt viele der Vorbehalte gegen KI und ihre Anwendungen. Kaum etwas funktioniert. Vor allem aber sind die Werke hässlich, banal und bei längerer Betrachtung nervtötend. Schon der Titel der Ausstellung "Pedoran Vinci" ist reiner Blödsinn - ein KI-generiertes Wortspiel aus kunstgeschichtlichen Klischees.

Liat Grayvers "Robotic Paintings" beispielsweise ist eine Zusammenarbeit der Malerin mit einem Roboter, der angetrieben von der Software e-David der Universität Konstanz, abstrakte Gemälde in Acryl auf Leinwand anfertigte. Seit 2015 bringt die Künstlerin den Robotern das Malen bei, füttert ihre selbstlernenden Algorithmen mit Pinselführung und Bildaufbau. Was da herauskam, sind plumpe Abstraktionen, wie man sie aus den Galerien in den Touristenvierteln von Rom, Miami oder Ibiza kennt, seelenlose Farbwischereien, die sich zum abstrakten Expressionismus in etwa so verhalten, wie die Karaoke-Performance eines Büroangestellten zur Inbrunst eines Soulsängers.

Den deutlichsten Anschluss an Ian Chengs BOB fand der britische Künstler William Latham mit seiner "Mutator Virtual Reality". Dafür setzt man sich eine VR-Brille auf und nimmt einen Controller zur Hand, wie er auch in Video- und VR-Spielen üblich ist. Über die Rundumprojektion der Virtual-Reality-Brille taucht man so in einen bonbonfarbenen Raum, in dem ein ebenso buntes Knäuelwesen schwebt. Bedient man nun die Tasten des Controllers, bewegt sich das Wesen. Es dreht sich, ballt sich zusammen, streckt sich aus. So nehmen die wurmähnlichen Einzelteile mit ihrem digitalen Schillern bald schon den gesamten Raum aus psychedelisch flimmernden Ebenen ein, simulieren eine Schwappbewegung, mit der sie den Blick des Betrachters umhüllen.

Es wäre nun leicht, sich über die künstliche Dummheit einiger anderer Arbeiten lustig zu machen. Nora Al-Badris und Jan Nikolai Nelles' "NefertitiBot" beispielsweise besteht aus einem Nefertiti-Kopf auf einer Nutzeroberfläche, der von einer fiktiven Jugend der altägyptischen Königsgattin in ihrer digitalen Inkarnation erzählt. Man kann sie unterbrechen, indem man ihr Fragen über ein Mikrofon stellt, welche die KI dann in einen Chatverlauf eingliedert. Die meisten Fragen versteht der NefertitiBot allerdings nicht, und wenn die Frage es dann doch bis in die Chatmaske schafft, gibt Nefertiti schnippische Antworten, die nicht so recht auf den Frager eingehen und sich lesen, als seien sie programmiert.

Im nächsten Saal reagiert die KI-getriebene Barbiepuppe, die Faith Holland für "Hello Barbie: The First Dispatch" programmiert hat, erst gar nicht. Angeblich kann sie sich an alles erinnern, was ihr Museumsbesucher gesagt haben, ist gleichzeitig via Wi-Fi an die Nachrichtenflüsse der Welt angeschlossen. Nur - sie bleibt am Tag des Ausstellungsbesuches stumm, ein Plastikpüppchen mit wohl sozialkritischem Anspruch, doch ohne jede Regung.

So ein bisschen menschlicher Triumphalismus ist da verlockend. Ist das alles, was ihr an kreativer Feuerkraft aufzubieten habt, Maschinen? Und doch lassen diese Arbeiten mehr Fragen offen, als dass sie Antworten liefern. Wann hat KI den Punkt erreicht, an dem die Simulation das ungeschulte Publikum überzeugt? Wenn das Hässliche und Banale heute dominieren, schreibt es sich dann nicht fest in die DNA der künstlichen Intelligenz? Wer beherrscht hier demnächst wen - die Kunst die KI, oder die KI die Kunst? Solche Fragen aber geben die Debatte um KI perfekt wieder. Denn die bleibt bis auf Weiteres vor allem ein diffuses Rätseln um die digitale Zukunft.

Pendoran Vinci, Kunst und künstliche Intelligenz heute. Bis 19. 8. im NRW Forum, Düsseldorf. Info: www.nrw-forum.de