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Künstler aus Kasachstan:Auf der einen Seite Menschenrechte, auf der anderen Öl

Bolat Atabajew muss auf die Weltbühne - dort will er zeigen, dass seine Heimat Kasachstan kein demokratischer, sondern ein totalitärer Staat ist. Deswegen droht dem Theatermacher und diesjährigen Träger der Goethe-Medaille ein Prozess.

Tote und Verletzte bei Ölarbeiter-Protesten in Kasachstan

Zusammenstöße zwischen Ölarbeitern und der Polizei im kasachischen Schanaosen: Die Staatsmacht suchte nach Schuldigen und fand sie in Oppositionellen wie Atabajew.

(Foto: dpa)

Es war schon spät, als das Telefon klingelte. Es wäre schön, sagte die Anruferin, wenn er die Karten für das Theater in Almaty erst einmal wieder zurückgeben könnte. "Das Wetter hat sich geändert", fügte sie hinzu, als erkläre das alles. Bolat Atabajew lag in einem Hotelzimmer in Brüssel und war müde. "Sag offen, was los ist", bat der Theaterregisseur seine Anwältin. Es wäre besser, eröffnete sie ihm, er würde erst einmal nicht wie geplant zurückfliegen nach Kasachstan. Sein auf den 13. Oktober datiertes Retour-Ticket von Brüssel aus hat Atabajew verfallen lassen. Der diesjährige Träger der Goethe-Medaille hat nun erst einmal eingecheckt in Berlin, in einem Hotel in Schöneberg.

Seine Anwältin hat Atabajew klargemacht, dass er fürchten müsse nach seiner Rückkehr - zum zweiten Mal in diesem Jahr - verhaftet zu werden. Beim Prozess vor dem Stadtgericht in Aktau ist gerade der Oppositionspolitiker Wladimir Koslow zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis verurteilt worden wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, Aufruf zum Sturz der Regierung und Gefährdung der nationalen Sicherheit sowie Anstachelung zu "sozialem Unfrieden". In der Urteilsbegründung soll die Richterin auch den Namen Atabajew genannt haben. Sein Fall werde an die Generalstaatsanwaltschaft verwiesen.

Der Fall Atabajew beginnt dort, wo das Öl herkommt: im Westen Kasachstans. Im Mai 2011 begann dort ein friedlicher Streik der Ölarbeiter gegen Ausbeutung und Entrechtung. Atabajew, künstlerischer Leiter des Deutschen Theaters in Almaty, fuhr zu den Streikenden und bekundete seine Solidarität. Im Streik sah er mehr als 20 Jahre nach dem Auseinanderfall der Sowjetunion und dem Beginn der kasachischen Eigenstaatlichkeit den Keim einer Zivilgesellschaft, ein Auflehnen gegen die Allmacht von Präsident Nursultan Nasarbajew. Nach Monaten friedlichen Protests kam es am 16. Dezember 2011 in Schanaosen zu Ausschreitungen zwischen Polizei und Bürgern. Zwölf Demonstranten starben.

Die Staatsmacht suchte nach Schuldigen und fand sie in jenen Oppositionellen, die sich mit den Streikenden solidarisiert hatten - in Wladimir Koslow, dem Vorsitzenden der nicht zugelassenen Partei Alga (Vorwärts), aber auch im bekannten Theatermann Atabajew. Am 15. Juni kamen drei Männer, um ihn zu verhaften. "Ich wollte meine Anwältin anrufen, aber sie schlugen mich und legten mir Handschellen an." Er sei, schildert Atabajew das Weitere, in einen Zug verfrachtet worden, einen "Viehwaggon", wie er sagt. 18 Häftlinge seien in sein Zellenabteil gepfercht gewesen. "Ich habe während der Fahrt Vorträge gehalten über die Zivilgesellschaft", sagt Atabajew.

Acht Tage Zugfahrt - ein Theaterstück

Fast 3500 Kilometer sind es von Almaty bis Aktau, acht Tage dauerte die Zugfahrt. "Es war eine Schule - oder ein Theaterstück", sagt Atabajew. Einer der Mithäftlinge habe seinen Chef getötet, einen Despoten, der das ganze Kollektiv terrorisiert habe. Einer habe einen Hammel gestohlen und das Fleisch verkauft, um seine Familie zu ernähren. Ein Dritter habe die Öl-Pipeline nach China angezapft. "Ich sagte: Du bis ein Dieb. Er sagte: Das ist unser Reichtum. Er gehört uns." Der zuckerkranke Atabajew schluckte seine Medikamente, aß aber zunächst nichts. Am vierten Tag dämmerte er in einen komatösen Zustand hinüber. "Plötzlich war ich in der Wiener Oper. Tosca, Puccini. Ich hörte die Musik. Das war ein schönes Bild." Sie päppelten Atabajew mit Brot, er kam wieder zu sich.

In Deutschland entfachte die Nachricht von der Verhaftung Atabajews einen kleinen Sturm. Vor der kasachischen Botschaft in Berlin übergossen sich Demonstranten mit Kunstblut. Volker Schlöndorff, mit dem er einmal ein Drehbuch geschrieben hat, setzte sich ein, ebenso wie Markus Löning, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung. Es sah so aus, als könne Atabajew im August nicht nach Weimar kommen zur Verleihung der Goethe-Medaille. Der Fall wurde zum Politikum. Am 20. Tag der Haft holten sie Atabajew dann aus der Zelle. Wenig später saß er in der Business Class eines Flugzeugs nach Almaty. Statt Brei gab es nun "Stör mit Spinat und dazu Moët". Atabajew fand das seltsam und lehrreich. Der Westen, lernte der Theatermann, kann erfolgreich Druck machen. Wenn er will.