Im Kino: Mother:Neue Welle in Korea

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"Mother" hat Bong Joon-ho unglaublich subtil und elegant inszeniert, man spürt, mit diesem Film - wie auch mit den neuen Filmen von Kim Ki-duk, Park Chan-wook und Hong Sang-soo - ist das wilde, archaische Jahrzehnt abgeschlossen, mit dem das koreanische Kino die Welt auf sich aufmerksam machte. Lange hatte es in den Sechzigern unter politischer Kontrolle der Militärregierung und dem Zwang des monopolistischen Produktionssystem gestanden.

Diktaturen haben, als aufgemotzte Politinszenierungsapparate, eine besondere Affinität zum Kino, zum eigenen nationalen im Besonderen. Südkorea hat schon früh ein Quoten-System gehabt, das den Kinos einen Prozentsatz einheimischer Filme vorschrieb - die Zahl der Tage, an denen koreanische Filme gezeigt werden mussten, war stets heftig umkämpft, sie ging von 106 Tagen im Jahr bis 146 Tagen, erst vor wenigen Jahren wurde sie heruntergesetzt auf 73. Von diesem Schutz vor de4r großen amerikanischen Konkurrenz hat die einheimische Filmproduktion profitiert, in Chungmuro bei Seoul ist ein Studiosystem entstanden mit hohem technischem Standard.

Als in den Achtzigern Südkorea sich wandelte zur Konsumgesellschaft und eine Demokratisierung möglich schien, wurde auch das Kinosystem gelockert. Den amerikanischen Verleihern wurde Zugriff auf die koreanischen Kinos gewährt, aber nationale Produktionen wurden weiter kräftig gefördert. Andere Industrien des Landes fingen an, ins Kinobusiness zu investieren, die Millionen-Kalkulationen wurden so messerscharf durchgezogen wie in Hollywood. Südkorea ist eins der wenigen Länder, in denen das amerikanische Kino keine Marktbeherrschung schaffte.

Jedes Jahr finden sich drei oder vier nationale Produktionen auf der Top-Ten-Einspielliste. 1999 wurde der erstklassige Spionagethriller "Shiri" von Kang Jae-gyu produziert und hat prompt James Camerons "Titanic" beim Einspiel radikal abgehängt. Ein Jahr später - ebenfalls ein enormer Publikumserfolg - kam "Joint Security Area" von Park Chan-wook in die Kinos, ein komplexes Politmelodrama aus der entmilitarisierten Zone zwischen Nord- und Südkorea. Die Grenzen waren durchlässig geworden zwischen dem Polit- und dem Genrekino, dem Unterhaltungs- und dem Arthauskino, in einem Maß, dass nicht mal Frankreich, das europäische Vorbild einer funktionierenden hochklassigen nationalen Filmindustrie mitkommt.

"Shiri" gilt als eine Art Start einer Neuen Welle in Korea, die - anders als die in Frankreich Ende der Fünfziger - nicht im Widerstand gegen das etablierte Filmsystem entstand, sondern in ihrem Innern. Die jungen Filmemacher kennen die Regeln des Spiels, sie wissen, wie intensiv sie damit experimentieren dürfen. Und - ähnlich wie zu Beginn der Nouvelle Vague in Frankreich - wurde ein Filmemacher, Lee Chang-dong, Regisseur von "Oasis", Kultusminister. Das Spiel von Reglement und Liberalisierung prägt die koreanische Gesellschaft bis heute, es ist auch in den Filmen spürbar, in der phantastischen, manchmal schockierenden Mischung von Sentiment und Aggressivität, Unschuld und Grausamkeit, Bodenständigkeit und Luxus. Mit Menschen wird hier manchmal gespielt wie Kinder es mit Tieren tun, zwischen Neugier und Quälerei, und manchmal läuft das auch ins Selbstquälerische hinein, in Experimente mit der eigenen Existenz. Legendär der in "Oldboy" verschlungene Tintenfisch, in "Mother" lässt einer der Cops im Verhörraum den Jungen in einen Apfel beißen und haut ihm den dann brutal aus dem Gesicht.

"Mother" ist die Kinomoderne par excellence, der Film ist in einem einfachen Dorf angesiedelt, aber erzählt wird so verschachtelt wie bei Hitchcock oder Resnais. Menschen, die im Leben nie wirklich zusammen kommen können, immer sind sie getrennt, durch die Scheiben eines Autos oder einer Verhörzelle, durch einen Vorhang, hinter dem die Mutter den Freund des Sohns eines Nachts mit einem Mädchen beobachtet. Mutterfilme sind Zeichenfilme. Und "Mother" zeigt uns in Europa die trügerische Inkonsistenz unserer Zeichensysteme auf - die unsere Gesellschaft formieren und unser Kino.

MADEO, Korea 2009 - Regie:Bong Joon-ho. Buch: Park Eun-kyo, Bong Joon-ho. Kamera: Hong Kyung-pyo. Schnitt: Bong Joon-ho, Moon Sae-Kyoung. Mit: Kim Hye-ja, Won Bin, Jin Gu, Yoon Jae-moon, Jun Mi-sun, Lee Young-suck. MFA+, 128 Minuten.

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