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Konzert von Jan Böhmermann:Das Publikum klatscht im Musikantenstadl-Groove

Jan Böhmermann ist Mann des Jahres

Beim Konzert in München wird klar, wie viele Hits Jan Böhmermann in den vergangenen Jahren geschrieben hat. Aber auch: Die Youtube-Videos dieser Hits sind eigentlich genug. (Archivbild)

(Foto: picture alliance / dpa)

Beim ersten Konzert von Jan Böhmermann in München wird klar, wie viele Hits dieser Mann produziert hat - und dass die auf Youtube besser aufgehoben sind. Über einen Abend, der sich in Ironieschleifen verliert.

Konzertkritik von Julian Dörr

Jan Böhmermann will nicht, dass die Leute stehen. Das sagt der Security-Mitarbeiter, der einen freundlich, aber bestimmt darauf hinweist, jetzt doch bitte endlich den zugewiesenen Sitzplatz einzunehmen. Auch ein zweiter Versuch, an anderer Stelle stehend das Geschehen zu beobachten, scheitert. Keine Chance. Es herrscht Sitzzwang beim ersten Konzert von Jan Böhmermann und dem Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld in München. Und dieser Sitzzwang verdeutlicht eigentlich schon ziemlich gut, was für eine Veranstaltung sich an diesem Abend abspielen wird.

"Fernsehen ist so 2017" hat der Satiriker seine erste Konzerttour genannt. Der Titel ist natürlich Quatsch, denn auch wenn das hier kein Fernsehen ist, fühlt sich doch alles nach guter alter Fernsehunterhaltung an. Im vollbestuhlten und vollbesetzten Saal herrscht Wetten, dass..?-Stimmung. Böhmermann ist in der Stadt, das Lagerfeuer des Zweiten Deutschen Internets. Überhaupt, was für eine anachronistische Veranstaltung. Da steht einer der größten deutschen Internetversteher auf der Bühne und ein Theatergong mahnt den Beginn der Show an. Und ja, eine Pause gibt es später auch noch.

Aber erst mal hat Böhmermann sein Publikum schon nach zwei Songs in einen Musikantenstadl-Groove gespielt. Patsch, patsch, patsch, klatschen die Hände im Takt, und zwischen den Stuhlreihen sieht man die ersten, von links nach rechts pendelnden Oberkörper. Ja, hier wird geschunkelt. Ironisch, versteht sich. Oder nicht?

Die besten musikalischen Momente sind die, in denen Böhmermann nicht auf der Bühne ist

Böhmermann singt: "Wenn ich ein echter Sänger wär'". Natürlich ist Böhmermann kein echter Sänger, aber - das muss man zu Beginn einmal festhalten - dafür macht er das ziemlich gut. Was sicherlich auch am 17-köpfigen Rundfunk-Tanzorchester Ehrenfeld und seinem Bomben-Bigband-Sound liegt.

Die besten musikalischen Momente des Abends sind dann auch die, in denen Böhmermann gar nicht auf der Bühne steht und sich das Orchester in kleine und sehr feine Pop-Intermezzi werfen darf. Die Violine flirrt voraus, die Bläser pressen hinterher. Aus den Boxen purzelt eine vom Vocoder zerhäckselte Stimme: "Don't you know that you're toxic?" "Toxic", ein wirklich sehr sehr guter Popsong, bei Britney Spears schon eine Hirnspülung, beim Rundfunk-Tanzorchester eine Hochdruckreinigung.

Die eigentliche Show lässt sich am ehesten als eine Art "Best of Neo Magazin Royale" beschreiben. Böhmermann und Orchester spielen sich durch seine größten Hits: "Baby Got Laugengebäck", "Be Deutsch", "Besoffen bei Facebook", "Style & das Geld". Giulia Becker ist auch dabei und singt ihren Scheidensong. Und natürlich Böhmermanns Alter Ego, der Rapper Polizistensohn. Wenn man das nun so geballt hintereinander weghört, wird einem zunächst klar, wie viele Hits dieser Mann in den vergangenen Jahren geschrieben hat. Einerseits.

Andererseits drängt sich nach einer guten halben Stunde immer vehementer die Frage auf, warum man diesem Mann eigentlich bei seiner James-Last-Werdung zuschaut - statt einfach die richtig guten Youtube-Originale von Böhmermanns Songs.

Kinderreime, Klischeephrasen, Werbeslogans

Ist es das Gesamtpaket? Die Aura des live performten Kunstwerks, zu dem auch das ganze Drumherum gehört? "Entertainment und Aufklärung", darum ginge es an diesem Abend, sagt Jan Böhmermann und erklärt kurz den Unterschied zwischen der Gewerkschaft der Polizei (GdP) und der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG), bevor er im nächsten Song Rainer Wendt, Vorsitzender der DPolG, auseinandernimmt.

Entertainment und Aufklärung also. Das ist der Maßstab, an dem sich Böhmermann messen lassen muss. Und darin liegt auch das Problem, denn Klärung gibt es an diesem Abend nicht. Im Gegenteil. Es zeigt sich vielmehr, wie schnell einen das Aufeinanderstapeln von Ironie in eine Sackgasse des Denkens führen kann.

Richtig offensichtlich wird das bei "Menschen, Leben, Tanzen, Welt". Böhmermann ist gerade mittendrin in seiner von Schimpansen getexteten Persiflage auf die Deutschpophölle, da stürmt Max Giesinger auf die Bühne. Der falsche und der echte Deutschpopper singen gemeinsam ein Lied aus Kinderreimen, Klischeephrasen und Werbeslogans - und das Publikum stürzt sich aus vollem Herzen in den generische Oh-oh-eh-oh-Refrain. Dann folgt "80 Millionen", der echte Deutschpophöllensong, den der Satiriker einst in seiner Sendung vernichtend zerlegte. Giesinger, der sich eben noch selbst parodierte, ist jetzt ganz ernst. Böhmermann turnt irgendwo im Zwielicht zwischen Beömmelung und Pathos herum und das Publikum klatscht fröhlich sein Musikantenstadl-Klatschen.

"Fick dein Kruzifix"

Was ist da los? Unterwandert das nun Böhmermanns Kritik am korrupten und oberpeinlichen Deutschpop - oder bekräftigt es sie? Der Abend droht sich in Ironieschleifen zu verlieren.

Zur Zugabe kommt Böhermanns Alter Ego Polizistensohn ein letztes Mal zurück auf die Bühne. In der Hit-Sammlung fehlt noch Böhmermanns Greatest Hit: "Ich hab Polizei". Ein Song, der am Tag der Großdemo gegen das neue Polizeigesetz in Bayern in einem interessanten Kontext steht. Böhmermann weiß das und hat eine neue Textzeile mitgebracht: "Fick dein Kruzifix, du bist Markus Söder, ich hab Polizei."

Söders Polizei ist böse, Böhmermanns Polizei ist gut. Und das ist dann, ganz am Schluss, doch noch eine klare Aussage.

© SZ.de/jobr
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