bedeckt München

Kolumne: Ein Gedanke:Verantwortung

(Foto: Reclam Verlag)

Glänzende Gedanken, bestechende Ideen: Die Kolumne über Funde im Bücher- und Zeitschriftenregal. Diesmal: Welche Frage in der Klimapolitik zuerst geklärt werden muss.

Von Jens-Christian Rabe

Die schlechteste Nachricht dieser an schlechten Nachrichten ja wirklich nicht armen Zeit ist, dass hinter der scheinbar nicht enden wollenden Corona-Pandemie der Klimawandel lauert, gegen den nicht innerhalb von ein paar Monaten ein Impfstoff entwickelt werden kann. Anders gesagt, hinter einem Problem wartet schon das nächste schwierigere. Und genau genommen wartet das Problem Klimawandel ja gar nicht. Im Gegenteil. Es wird, während wir mit dem Virus ringen, nur größer. Die Menschheit kommt mit dem Lösen ihrer Probleme nicht hinterher.

Woran das liegen könnte, obwohl über die missliche Lage weitgehend Einigkeit besteht, darüber hat der junge Hannoveraner Philosoph Johannes Müller-Salo einen Essay geschrieben: "Klima, Sprache und Moral" (Reclam, Stuttgart 2020, 93 Seiten, 6 Euro). Es geht ihm darum, für die - auch in der Corona-Krise - oft vernachlässigte Tatsache zu sensibilisieren, dass geteiltes Wissen um die Notwendigkeit von Handlungen in demokratischen Gesellschaften erstmal überhaupt nichts bedeutet. Es sei zusätzlich zwingend nötig, sich um eine Sprache zu bemühen, die etwa Klimaschutz zu einem "mehrheitsfähigen Projekt" macht. Fakten sprechen in demokratischen Gesellschaften nicht für sich.

Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Gedanke Müller-Salos, dass die viel beklagte "klimapolitische Verantwortungslosigkeit" vor allem zeige, wie wenig bislang geklärt sein, wie die Verantwortung in der Klimapolitik verteilt ist. Mit einem Hinweis auf die Tatsachen komme man dabei nicht weit. Zur Klärung von Verantwortlichkeit seien vielmehr "bewusste gesellschaftliche Entscheidungen" nötig. Mithin sei es die "primäre Aufgabe der Gegenwart", einen echten "Diskurs über Verantwortungszuweisung" zu führen. Auf das auch das ewige Palaver um die "Verantwortung des Einzelnen" fruchtbarer werde. Unkomplizierter wird ein kompliziertes Problem dadurch freilich erst mal nicht.

© SZ
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema