Kolumbien:Dieser Mann macht aus Abfall Wissen

Kolumbien: Macht aus Abfall Wissen: José Alberto Gutiérrez

Macht aus Abfall Wissen: José Alberto Gutiérrez

(Foto: Guillermo Legaria/AFP)

José Alberto Gutiérrez arbeitet in Bogotà als Müllmann - und baute aus Büchern, die andere weggeworfen haben, eine Bibliothek auf. Mit über 20 000 Titeln.

Von Boris Herrmann

Es war vor zwanzig Jahren, als der Müllmann José Alberto Gutiérrez aus der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá die Entdeckung seines Lebens machte. Am Straßenrand, zwischen Altpapier und Restmüll, fand er eine Taschenbuchausgabe von Leo Tolstois Roman "Anna Karenina". Die Seiten waren vergilbt, der weiße Pappeinband modrig. Gutiérrez nahm das Buch trotzdem mit nach Hause. Bis heute bewahrt er es wie einen Schatz auf. Nicht nur, weil es ihm viele schöne Lektürestunden geschenkt hat, sondern auch die für ihn wegweisende Erkenntnis: "Die Leute werfen tatsächlich Weltliteratur in den Abfall."

Gutiérrez, ein Mann von inzwischen 54 Jahren, der mit seiner Denkerhalbglatze durchaus als Hochschulprofessor durchgehen könnte, kam nie über einen Grundschulabschluss hinaus. Er wuchs in dem Arbeiterviertel La Nueva Gloria im Süden von Bogotá auf und ging zur Müllabfuhr aus Mangel an Alternativen. Trotzdem bekam er die Liebe zum geschriebenen Wort ins Kinderbett gelegt. Seine Mutter las ihm jeden Abend ein paar Seiten aus der Bibel oder einem Kinderbuch vor. Heute zitiert er Jorge Luis Borges, wenn er von dieser Liebe erzählt: "Ich habe mir das Paradies immer als eine Art Bibliothek vorgestellt."

Von Homers "Ilias" bis hin zum Koran

Über die Jahre hat er sich zu Hause sein eigenes Paradies geschaffen. Er sammelte alles Lesbare, was er im Müll fand: Homers "Ilias", einen Band der Encyclopaedia Britannica, das Gesamtwerk von Gabriel García Márquez und einmal sogar eine zweisprachige Edition des Koran. Auf diese Weise kamen über 20 000 Romane, Gedichtbände und Sachbücher zusammen. Im ersten Stock seines kleinen Hauses eröffnete er eine Bibliothek, dem Müll entnommen.

Seine Frau Luz Mery, eine gelernte Schneiderin, hat sich darauf spezialisiert, zerfledderte Buchrücken auszubessern. Auch die drei Kinder helfen. Sie organisieren Lesungen und Unterricht für sozial Benachteiligte im Viertel. Es ist ein Familienbetrieb, der aus Abfall Wissen macht.

Unter dem Namen "El señor de los libros", der Herr der Bücher, hat es Gutiérrez inzwischen zu bescheidenem Ruhm gebracht. Er wurde zu Literaturfesten und Fernsehsendungen eingeladen, er muss jetzt nicht mehr alle Neueingänge selbst aus dem Müll fischen, Buchspenden erreichen ihn aus dem ganzen Land. Auch aus Platzmangel kam er auf die Idee, sie weiter zu verschenken. Er gründete die Stiftung "Kraft der Worte", die ein Netz von privaten Gratis-Bibliotheken in Bogotá betreut.

Außerdem verschickt er Bücherkisten in ländliche Regionen, wo eben noch der Bürgerkrieg wütete, der Staat praktisch nicht existiert und wo Generationen nichts anderes als schießen gelernt haben. Auch kriegsmüde Guerilleros der Farc hat er schon mit Lesestoff versorgt. In jedes Exemplar stempelt er vorher denselben Spruch hinein. "Este libro es libre" - dieses Buch ist frei, es gehört der Menschheit. Einen persönlichen Traum hat Gutiérrez noch: einen höherer Schulabschluss. Im Juli will er sein Abitur nachholen.

© SZ vom 13.06.2017/cag
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