Kollektiv "Abounaddara" Geheime Filme aus dem umkämpften Syrien

Kinder-Kreuzzug: Ja, Syrien ist ein Land im Bürgerkrieg. Aber die Filmemacher von "Abounaddara" zeigen ein vielgesichtiges Land.

(Foto: Abounaddara)

Kaum jemand erzählt so eindrücklich vom Kriegsalltag in Syrien wie die anonymen Filmemacher von "Abounaddara". Sogar Regime-Anhänger gucken die Clips.

Von Catrin Lorch

"Was sie ärgert, ist, dass ich eine Frau bin", sagt die Namenlose und blickt fest in die Kamera, bevor sie weiter erzählt: Wie sie jeden Tag "zur Zeit der Nachmittagsgebete" losziehe, um zu demonstrieren, "eine, vielleicht anderthalb Stunden". Sie stehe dann in ihrer Stadt mit einem Schild vor dem Gebäude des "Islamischen Staates". Wobei sie den IS nicht so nennen mag. "Das ist kein Staat, das sind nicht einmal Terroristen. Sondern einfach eine Gang. Sie nennen sich Scheichs. Aber sie rekrutieren zehn- oder zwölfjährige Kinder."

Die "Frau in Hosen" ist ein kurzer Film, er dauert keine vier Minuten. Und man begegnet allein ihr, dieser ehemaligen Lehrerin aus Syrien, und ihrem einsamen Widerstand. Es bleiben kaum Fragen offen - andererseits fehlt das meiste, was einen Dokumentarfilm ausmacht: Name, Beruf, Ort.

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Auf den ersten Blick gleicht der kurze Film deswegen den unendlich vielen Clips, die man auch auf Youtube finden kann oder auf dubiosen Seiten im Internet: den Statements, Selfies, politischen Kommentaren. Aber die Ruhe und Konzentration fallen auf - und der nächste Film auf der Seite www.abounaddara.com, beispielsweise das "Tagebuch einer Gang", wird wieder so präzise wirken, so persönlich und dicht.

Schießen, Singen, Herumalbern - unbeholfene Rituale

Man hat fast das Gefühl, in diesem Kreis von Männern zu sitzen, die sagen, dass für sie in den beiden vergangenen Jahren, seit sie sich der Revolution gegen das Regime angeschlossen haben, nur noch zähle, "dass Baschar abtritt". Alles andere, was ihr Leben ausgemacht habe, hätten sie über diesem Kampf vergessen. "Wir sind wie Neugeborene, wir müssen lernen zu leben." Danach gehen sie ein bisschen vor die Tür, Schießen, Singen, Herumalbern - unbeholfene Rituale. Die Kamera bleibt dran, liefert aber niemanden der Welt aus. Auch nicht die Flüchtlingskinder, die in einem Zelt sitzen. Nicht die Nachbarin, die über ihren Mann spricht. Die meisten Clips sind Monologe, und es fällt auf, dass man auch sehr häufig Frauen zuhört.

Keine dieser Begegnungen ist länger als einige Minuten, aber sie alle sind sorgfältig in Szene gesetzt, ruhig geschnitten, perfekt intoniert. Die Arbeit von professionellen Filmemachern, die unter dem Pseudonym "Abounaddara" arbeiten, ein Wortspiel, das sich auf Dsiga Wertows Filmklassiker "Der Mann mit der Kamera" bezieht. Ihre Filme werden nicht länger nur in Syrien hochgeladen, geschaut und geliked; in den vergangenen Monaten verlieh ihnen die Jury des Sundance-Festivals einen Preis, und der Leiter der Documenta, Adam Szymczyk, hat sie zur Weltkunstschau nach Kassel und Athen eingeladen.

Seither zerbrechen sich auch Kulturjournalisten und Filmkritiker den Kopf darüber, ob das Projekt der syrischen Dokumentaristen nicht womöglich doch Propaganda ist. Aber: für wen?