Klavier spielen lernen mit Chilly Gonzales:Jede Menge verblüffende Theorie

Wer diese Stücke übt, trainiert also nicht nur seine Finger, sondern auch seine Aufmerksamkeit für musikalische Strukturen. In liebevollen Begleittexten vermittelt Gonzales jede Menge verblüffende Theorie. Er schreibt, Arpeggios seien sowohl "das Herz von Glenn Millers 'In The Mood' und Daft Punks 'Aerodynamic'".

Er erfindet die "Green Note" - im Gegensatz zur Blue Note des Jazz ein Ganzton-Vorschlag, der eher nach Pop klingen soll. Und zum Wert der Pause zwischen einzelnen Tönen sagt er, mit ihr sei es "wie auf einem schlecht besuchten Chilly-Gonzales-Konzert: Die leeren Sitze neben jedem Besucher machen jeden von ihnen umso besonderer".

Gonzales, der studierte Ex-Jazzer, kommt mit dieser Idee genau zur richtigen Zeit. Es gibt ja seit ein paar Jahren einen weit verbreiteten Drang zum Selbermachen. Menschen backen eigenes Brot, basteln alles Mögliche für den Haushalt aus Holz, Stricken und Handarbeitstechniken werden immer wieder zum Trend ausgerufen. Da kommt Hausmusik gerade recht. Nicht nur konsumieren, nicht passiv im Konzertsaal sitzen, sondern: selbst spielen. Üben. Staunen, was die eigenen Finger da auf den Tasten veranstalten.

Und Chilly wäre nicht Gonzales, wenn er sich nicht auch hier wieder ein paar ironische Anspielungen erlauben würde. Jede seiner 24 Etüden ist jemandem gewidmet. Dass da Namen wie Johannes Brahms oder Clara Schumann auftauchen, logisch, auch Zeitgenossen wie Daft Punk oder Prince passen. Aber Barack Obama, Steve Jobs, "Mein Bruder Chris" - wie bitte?

Gonzales mag diese Verwirrspielchen. Wie bei seinen Konzerten wiegt er auch hier seine Fans in Sicherheit, und dann kitzelt er sie ein bisschen, nicht wild, nicht gemein, gerade so, dass sie kichern. Das ist hervorragende Unterhaltung, die nicht wehtut, und immer wieder muss sich Gonzales auch den Vorwurf der Gefälligkeit anhören.

Er meint es ernst

Stimmt ja, man könnte Gonzales bespötteln als einen Mann, der sein Publikum gefunden hat: junge Bildungsbürger, die sich von ihm genau das Bildungsbürgerding ihrer Elternhäuser vorführen lassen, nur eben mit ein, zwei ironischen Umdrehungen.

Aber das würde zu kurz greifen. Denn auch wenn Gonzales ironische Späße mag; auch wenn er sich mit schiefem Grinsen als schräger Entertainer-Onkel geriert, holprig rappt oder kuriose Erläuterungen zu seinen Etüden verfasst - er liebt, was er tut. Er meint es ernst. Er bietet seine Hilfe an. Er will, dass die Leute sich wieder selbst ans Klavier trauen.

Das ist eine große Geste, und sie ist umso schöner, weil er sie eben kein bisschen bricht. Diese Etüden sind viel mehr als ein Scherz. Spätestens in ein paar Jahren wird eine ganze Generation von Klavier-Anfängern völlig selbstverständlich mit diesem Notenband unterrichtet werden. Jede Wette.

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