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Klassische Musik:Jugendlicher Glanz

Ein Ausnahmetalent an der Geige: Veriko Tchumburidze.

(Foto: Ralf Dombrowski/oh)

Zum dritten Mal: Stars & Rising Stars

Es gibt Orte in München, an denen Musiker unbedingt spielen müssen, auch wenn die klimatischen und akustischen Bedingungen nicht gut sind: Im legendären Odeon zum Beispiel, das einst neben der Oper das musikalische Aufführungszentrum der Stadt war, bis es 1944 von einer Bombe getroffen wurde. 1828 von Leo von Klenze erbaut hatte es König Ludwig I. dem bayerischen Volke ausdrücklich als Konzert- und Vortragshalle geschenkt. Heute fungieren die immer noch eindrucksvollen Reste mit der großartigen Bühnenapsis als überdachter Innenhof des Innenministeriums. Der eigentliche Saal befand sich im ersten Stock.

Wenigstens einmal im Jahr gibt es unter der Schirmherrschaft des Innenministers Joachim Herrmann nun zu ebener Erde ein Konzert mit Starmentor und Jungtalenten des originellen Festivals "Stars & Rising Stars". Dieses Mal wehten leider kalte Winde durch den Raum, der akustisch überhallig ist. Beides bessert sich deutlich, wenn die Segel unterm Dach aufgezogen werden. Dazu wäre es gut, den Steinboden abzudecken. Am besten wäre es aber, endlich den Odeonraum wiederherzustellen und so dem "Bayerischen Volke" Münchens historisch bedeutendsten Musiksaal wieder zu schenken.

Der Star, die fabelhafte Simone Kermes, kommentierte die kühle Lage spitz, sang und agierte aber vorzüglich mit dem Barockensemble Amici Veneziani. Die jungen Idunnu Münch (Mezzosopran), und Etienne Walch (Countertenor) boten Barockes wie 20. Jahrhundert idiomatisch treffend. Die frühen Lieder von Carl Orff vermochte Idunnu Münch mit Amadeus Wiesensee am Klavier überzeugend zu realisieren, wie auch die junge Geigerin Clara Shen mit ihm Ludwig van Beethovens F-Dur-Romanze sehr kantabel gestaltete.

Die neue Aula des Wilhelmsgymnasiums ist akustisch so dürr, dass Celloprofessor Wen-Sinn Yang spottete, hier klänge auch ein Stradivari-Cello so, als sei es von Ikea. Doch vermochten die Cellohelden Alban Gerhardt und Danjulo Ishizaka und ihre jeweiligen Jungstars - Raphaela Gromes, Cello, Clayton Stephenson, Klavier, Tassilo Probst, Violine, Maxim Lando und Maximilian Haberstock, Klavier - so viele virtuose, empfindsame oder glänzende Funken zu schlagen aus Stücken von etwa Offenbach, Liszt, Ligeti, Rachmaninow oder Arensky, dass man bangte, der knochentrockne Saal könne in Brand geraten. Aber es ist richtig, hier erstklassig Musik zu machen, weil es viele Schüler und ihre Familien anzieht, als sei's ein Heimspiel.

Die diversen Spielorte quer durch die Stadt bilden sowieso eine der Attraktionen des munteren, oft überraschenden Festivals. Der Spaß, den erfahrene Stars am Schwung und der Begabung der Jungen haben, ist direkt zu spüren. So boten in der akustisch guten Freiheizhalle, Weltgeigerin Arabella Steinbacher, der viel beschäftigte, stets präsente Pianist Amadeus Wiesensee und der großartige Cellist Yuya Okamoto das H-Dur-Trio von Johannes Brahms poetisch und rauschhaft auf Weltklasseniveau. Im Werksviertel schließlich versammelte die längst sagenhafte Violinmeisterin Ana Chumachenco sechs ihrer Besten - Diana Adamyan, Naoka Aoki, Lorenz Chen, Mohamed Hiber, Paolo Tagliamento, Veriko Tchumburidze - zur turbulenten Reise durch die Welt virtuoser Show-Pieces. Mit dabei die fesselnde Schlagzeugerin Vivi Vassileva und die souveräne Cellistin Laura Szabó.

Neben den tollen Leistungen der Jungen, der Führungskraft der Großen prägt besonders eine Beobachtung die Veranstaltungen: die Mischung des Publikums von ganz jung bis alt, wie man sie sonst kaum in Musik-München antrifft. Also 2020 auf ein Neues!