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Klassikkolumne:Wunderwelten aus Intimität und Versenkung

Die Viola, vulgo Bratsche, war lange Zeit nicht besonders hoch angesehen. Doch mittlerweile gibt es eine Vielzahl von großen Virtuosen und Künstlern auf diesem grandios sonorem Instrument.

Von Harald Eggebrecht

Es wird höchste Zeit, in diesem langen Warten auf bessere Tage ein Loblied auf die Viola zu singen. Sie ist das Instrument der Stunde mit ihren Mezzo- und Altregistern, in denen sich meditatives Sinnieren, ausschweifende Sehnsucht, melancholische Wehmut oder träumerisches Schlendern so vortrefflich ausdrücken lässt, denkt man etwa an Hector Berlioz' einsamen Wanderer und Beobachter "Harold en Italie". Jedenfalls ist die Viola nach epochalem Sturmlauf vor allem durchs 20. Jahrhundert dank bedeutender Komponisten wie Paul Hindemith, William Walton, Rebecca Clarke, Béla Bartók, Bernd Alois Zimmermann oder Alfred Schnittke, um nur ein paar zu nennen, die für die Bratsche komponiert haben, in der Mitte der gefeierten Soloinstrumente angekommen. Natürlich auch aufgrund der eindrucksvollen Reihe großartiger Musikerinnen und Musiker angefangen vom Vater des modernen Violaspiels, Lionel Tertis, über den virtuosen William Primrose bis hin zur Phalanx großer Persönlichkeiten unserer Tage wie etwa Tabea Zimmermann, Yuri Baschmet, Tatjana Masurenko, Lawrence Powers oder Lars Anders Tomter. Und ihnen folgen dicht bei dicht junge Bratscherinnen und Bratscher, die zeigen, was die einst mitleidig bewitzelte Viola an unaustauschbaren Klangabenteuern zu bieten hat.

Hiyoli Togawa, Jahrgang 1986 mit japanisch-australischen Wurzeln im Rheinland aufgewachsen, hat die CD zum Lockdown schlechthin eingespielt: 11 Komponisten, darunter etwa Toshio Hoskawa, Tigran Mansurian, Kalevi Aho oder Johanna Doderer, konnte sie animieren, Solostücke zu schreiben, Meditationen, melodische Schwermütigkeiten, Melancholien mit plötzlichen Ausblicken. Togawa präsentiert bei aller Innenschau eine solche Fülle an Farbigkeiten, dynamischen Schattierungen, melodischem Tröstungen, auch an architektonischen Sinn für die verschiedenen meist zwischen drei und fünf Minuten dauernden musikalischen Nachdenklichkeiten und Aufmunterungen, dass man mit wachsender Neugier von Stück zu Stück hört. In diese Reihe hat sie als Ruhezonen die Sarabanden aus Bachs sechs Solocellosuiten souverän eingestreut. (Bis)

Auch der junge Norweger Eivind Ringstad, Jahrgang 1994, bietet mit David Meier am Klavier ein durchdachtes Konzeptalbum: Zwei Klassiker wie Georges Enescus 1906 entstandenes, so kühnes wie elegant jugendstiliges "Concertstück" und Paul Hindemiths kraftvolle Sonate für Viola und Klavier op. 11 von 1919 werden hier kombiniert mit der 1942 mitten im Zweiten Weltkrieg vollendeten, bitteren Sonate des Australiers Arthur Benjamin - er komponierte übrigens die Kantate in Alfred Hitchcocks "Der Mann, der zu viel wusste", während der ein Attentat verübt werden soll - , den 2018 entstandenen "Correspondences" des Norwegers Peder Barratt-Due und der Elegie op. 30, die der belgische Violinvirtuose Henri Vieuxtemps 1848 schrieb. Diese hochkomplexe Mischung geht Ringstad mit jugendlichem Schwung an, ohne dabei grob oder gleichförmig drauf los zu spielen. Dieser Solist sieht die Bratsche nicht nur als introvertiertes und schwermütiges, sondern auch als offensiv virtuoses Instrument, wie sein glänzendes Arrangement von Eugène Ysayes "Caprice Valse" beweist, das auch ausgefuchsten Meistergeigern Probleme bereiten kann. (Rubicon)

Der Franzose Adrien la Marca, Jahrgang 1989, versteht die Viola aus dem Geiste vornehmer Klangschönheit, die er in verführerischer Beredsamkeit ausbreitet, wenn er William Waltons Maßstab setzendes Violakonzert mit dem Liège Royal Philharmonic unter Christian Arming in jeder Hinsicht bezwingend "auserzählt" oder aus Sergei Prokofjews Ballett "Romeo und Julia" eine hinreißend vitale Suite für Bratsche und Orchester gewinnt, die Karriere machen sollte. Dazwischen ein immer noch spätromantisch sich gebendes Konzert "On the Reel" von Gwenael Mario Grisi, 2019 uraufgeführt. Das etwas redselige Stück beherrscht La Marca so makellos wie überzeugend. (La dolce volta)

"Unsere Behaglichkeit würden die anspruchslosen Stücke nicht stören", schrieb 1894 Johannes Brahms an den Geigerfreund Joseph Joachim, und meinte damit die beiden späten vielschichtigen Sonaten op. 120, die er eigentlich für den Klarinettisten Richard Mühlfeld komponiert hatte. Wer den fabelhaften Antoine Tamestit mit seiner Stradivari-Viola und den feinsinnigen Cédric Tiberghien an einem Bechsteinflügel von 1899 hört, mag sich kaum vorstellen, dass Brahms ursprünglich die Klarinette im Sinn hatte. Die beiden spielen diese in ihrer Landschaftlichkeit weit ausgreifenden und in ihrer schmerzlichen Poesie so berauschenden wie tiefgründigen Stücke in glühenden herbstlichen Farben, immer auf Gesanglichkeit und ineinander verwobenen Dialog bedacht. Und wenn dann der Bariton Matthias Görne bei den zwei Gesängen op. 91 dazukommt, ergibt sich eine Wunderwelt aus Intimität und Versenkung. (harmonia mundi)

© SZ/RJB
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