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Klassik:"Unterschreiben Sie keine anderen Verträge"

Sir John – geboren als Giovanni Battista – Barbirolli (1899-1970) war Cellist, schließlich britische Dirigentenlegende.

(Foto: Sony/New York Philharmonic)

Das Vermächtnis der britischen Dirigentenlegende Sir John Barbirolli in einer großartigen CD-Edition.

Von Helmut Mauró

Was sofort ins Auge sticht: die unglaubli che Bandbreite seines Repertoires. John Barbirolli dirigierte praktisch alles, aber er schlug nicht nur den Takt, sondern identifizierte sich vollkommen mit dem Werk, kroch hinein noch in den letzten Winkel der Partitur. Aber er versteckte sich nicht darin: Kaum ein Dirigent ist in seinen Aufnahmen so präsent, beinahe physisch greifbar. Ganz egal, ob es um Richard Wagners "Rienzi" geht, um Carl Loewes "Fridericus Rex" oder Johann Wilhelm Hills "Das Herz am Rhein". Ja, auch solche Petitessen findet man in der umfangreichen Edition "Sir John Barbirolli - The Complete Warner Recordings". Vor 50 Jahren starb der britische Dirigent und Cellist mit italienischen Wurzeln; seine Eltern geigten noch unter Toscanini, aber John Barbirolli mutierte zum perfekten Briten, lehnte später die US-Staatsbürgerschaft ab, die für eine Verlängerung seines Vertrages mit dem New York Philharmonic Orchestra Bedingung war.

Allerdings hatte es ihm die angriffslustige New Yorker Presse auch leicht gemacht, das Land zu verlassen. Zurück in Großbritannien wurde er noch zu Lebzeiten zur Legende, und es waren die dortigen Orchester, die ihm zu Welt- und Nachruhm verhalfen. Vor allem das Hallé-Orchester in Manchester, auch das London Philharmonic, das New Philharmonic, das Orchester des Royal Opera House Covent Garden und das London Symphony. Bei diesem war Barbirolli 1927 in der Queen's Hall für den erkrankten Thomas Beecham eingesprungen, und noch während des Schlussapplauses sprach ihn ein Produzent der EMI an: "Mein Name ist Gaisberg, unterschreiben Sie keine anderen Verträge, ich rufe Sie morgen früh an."

Es bahnte sich eine langjährige Partnerschaft mit dem Label an, Aufnahmen mit Solisten kamen dazu: Jascha Heifetz, Fritz Kreisler, Gregor Piatigorsky, Edwin Fischer, Alfred Cortot, Wilhelm Backhaus oder Arthur Rubinstein. Zu letzterem pflegte der Dirigent ein besonders enges Verhältnis, viele große Aufnahmen Rubinsteins entstanden mit Barbirolli, der sein Dirigentenpult immer zwischen Flügel und Publikum platzierte, weil er, wie er sagte, den sinfonischen Charakter der Klavierkonzerte betonen wollte. Er blieb Chef des Ganzen. Heute steht der Dirigent in der Regel zwischen Flügel und Orchester, und der Solist hat hörbar mehr Freiheiten oder Einflussmöglichkeiten auf das Orchester. Doch bietet der Ansatz Barbirollis auch Vorteile für den Solisten. Er kann sich ganz auf den Dirigenten verlassen, sich geborgen fühlen im Schoß des Orchesters.

Wie kongenial Barbirolli Solisten unterstützt, erlebt man im ersten Klavierkonzert von Johannes Brahms mit dem New Philharmonia Orchestra und dem 25-jährigen Daniel Barenboim. Auch wenn nicht jeder Doppeltriller sitzt und der Pianist nicht allzu flexibel scheint in der orchestralen Interaktion, so entsteht doch ein sehr inniges Zusammenspiel, eine klanglich-ideelle Einheit. Welch ein Unterschied zu der 47 Jahre später entstandenen Aufnahme Barenboims mit Gustavo Dudamel am Pult der Staatskapelle Berlin! Der Südamerikaner lotet hier sehr bedächtig tatsächliche und vermutete Untiefen aus, phrasiert, obgleich rhythmisch scharf konturiert, viel weicher als Barbirolli, woraufhin auch Barenboim phasenweise in einen Gemütlichkeits-Modus verfällt, der Brahms immer so schwerfällig erscheinen lässt.

Der jüngere, ambitioniertere Dudamel arbeitet sich an Brahms ab, Barenboim folgt samtpfötig. Dabei entstehen große Momente der Ruhe, des Weltfriedens. Dabei beginnt Dudamel viel leichtfüßiger, setzt die ersten großflächigen Akkorde farbig schillern, lässt die Paukenwirbel im Hintergrund verpuffen, um sogleich in eine liebliche offene Landschaft zu führen. Bei Barbirolli dagegen tobt bedrohliches Gewitter, Blitze und Donnergrollen beherrschen die Szenerie, Monster fahren auf und trollen sich nur widerwillig. Und auch als das Klaviersolo einsetzt, sind sie noch nicht ganz verschwunden. Die Gefahr steht noch in der Luft, ihr Schrecken ist präsent. Der 25-jährige Barenboim stürmt siegessicher durch allerlei Gefahrenzonen, Barbirolli kniet sich mit dem Orchester in jede harmonische Kurve, dass man unweigerlich mitfiebert und ganz benommen wird von dem Zauber.

Ein bisschen spürt man da auch den Theaterdirigenten Barbirolli, der in dieser Edition mit zum Teil großartigen, offenbar nicht mehr eruierbaren Sängern vertreten ist. Barbirolli war auch ein Mann der Oper, nicht nur der italienischen, und in dieser wiederum weltmännisch, wie die deutschsprachige Aufnahme von Ruggero Leoncavallos "Pagliacci" von 1930 zeigt. An dieser Stelle muss man die Rekonstrukteure der Aufnahmen ab 1930 loben. Die erreichte Tonqualität geht weit über das Niveau hinaus, mit dem man sich noch vor 20 Jahren zufrieden geben musste. Kein Knacksen, kaum Rauschen, und selbst in den Stimmen eine unerwartet obertonreiche Klangfülle. Nur manchmal, etwa im Solo von Wagners "Tannhäuser", nur von der Harfe begleitet, hört man am Instrumentenklang, dass der Gesang im Original noch viel reicher und kraftvoller war. Bei den Einspielungen der Zwanzigerjahre ließ sich ein akzeptabler Stimmklang offenbar nicht ohne stellenweise Nebengeräusche durchhalten. Allerdings sind auch hier punktuelle Tempo- und Tonhöhenverschiebungen, wie man sie in alten Aufnahmen oft findet, weitestgehend eliminiert.

Spätestens ab den Sechzigerjahren ist Aufnahmequalität kein Thema mehr, nun geht es mehr denn je um die persönliche Handschrift des Dirigenten. Aber auch um die des Orchesters - was heute oft kaum noch nachvollziehbar ist, da die meisten Spitzenorchester keinen Ehrgeiz mehr haben, einen singulären, gewachsenen Klang zu pflegen. Man hört hier noch, wie das früher war, etwa an der Londoner Einspielung von "Ein Heldenleben" von Richard Strauss. Drei Tage später hat Herbert von Karajan das Stück mit den Berliner Philharmonikern in Moskau aufgeführt. Barbirolli treibt die Musiker zu noch bunterer Theatralik als Karajan, lässt ihnen aber mehr Luft zu eigenem spielerischen Erleben. Das ist ein grundsätzlich anderer Ansatz, da bricht sich der Bühnendirigent Bahn.

Dennoch scheint ihn Strauss auf die Spur eines anderen, damals noch nicht so populären Komponisten gebracht zu haben: Gustav Mahler, den Barbirolli zunächst gar nicht schätzte: "Im Hinblick auf den Orchesterklang haben Berlioz und Wagner das alles weit überzeugender gemacht. Mir schien es, als sei bei Mahler Größe zu einer krankhaften Zwangsvorstellung geworden." Und doch war es Mahlers Neunte, mit der er 1963 bei den Berliner Philharmonikern reüssierte. Es folgten noch viele Mahler-Gastdirigate in Berlin. Nichts als die schiere musikalische Wirkung hatte Barbirolli überzeugt. Und das passierte ihm - und seinem Publikum - nicht nur mit Mahler. Barbirolli konnte die einmal gewonnene Überzeugung und Begeisterung, in musikalische Perfektion übersetzt, inspirierend weitergeben. So wirkt das aus den alten Aufnahmen ganz unmittelbar heraus.

© SZ vom 24.06.2020

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