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Klassik:Der Raum der Musik

Das neue Doppelalbum "Silver Age" des Pianisten Daniil Trifonov zeigt, wie genial der russische Musiker sämtliche Stile und Epochen beherrscht.

Von Helmut Mauró

Er ist einer der ganz wenigen Musiker, die das komplette Repertoire, von Bach bis Beethoven, von Mozart bis Stockhausen nicht nur beherrschen, sondern auch in einer unerschütterlichen Sicherheit und musikalischen Intensität bieten, dass man nur staunen kann. Der Begriff des Genies scheint angebracht. Der russische Pianist Daniil Trifonov, der längst in New York lebt, kann sich in jede Epoche, jeden Stil, jeden Komponisten, jedes einzelne Werk so kongenial versenken, dass man nach wenigen Takten überzeugt ist: So muss es klingen, so ist das gemeint, so muss es verstanden werden. Was man für die wuchtigen Klavierwerke der russischen Spätromantik erst einmal nicht glauben mag. Warum sollte hier eine Phrasierung nicht ebenso gut anders verlaufen? Der Pianist scheint sich genau solche Fragen gestellt zu haben bei der Aufnahme seines neuen Doppelalbums "Silver Age" (DG). Das Silberne Zeitalter, sagt Daniil Trifonov, bezeichnet keine einheitliche Ästhetik, sondern ein sozial, politisch und intellektuell vielfach gebrochenes Umfeld. In diesem Sinne ist es also keine Epoche, sondern eine Zeit des Aufbruchs, in der sich die Künstler gegenseitig beeinflussten und antrieben. Was bei anderen wie eine Entschuldigung für die Zusammenstellung teils bekannter, teils entlegener Werke der russischen Spätromantik dienen mag, ist für den Pianisten Daniil Trifonov programmatische Herausforderung. Auf "Silver Age" sucht er gerade nicht den übergreifenden Zusammenhang, sondern interessiert sich für den individuellen Charakter, das Eigenleben der Sonaten, Serenaden, Sarkasmen und Klavierkonzerte von Igor Strawinsky, Sergei Prokofjew und Alexander Skrjabin. Dabei spielen auch die Genretypologien von Ballett- und Filmmusik eine Rolle. Es ist eine eigentümliche Mischung aus sentimentaler Rückschau und kraftstrotzendem Aufbruch in die Moderne, eine schier unbändige Lust auf Zukunft.

In mythischer Beschwörung kulminiert beides in dem wuchtig aufschäumenden und dabei immer bei klarem Verstand sich fortentwickelnden Klavierkonzert von Alexander Skrjabin, im Herbst 1896 in wenigen Tagen skizziert. Eine der raren Aufnahmen vor Trifonov bestreitet Vladimir Ashkenazy mit dem London Philharmonic Orchestra unter fürsorglicher Leitung von Lorin Maazel. Auch der setzt das Andante wunderbar in Szene, Vladimir Ashkenazy lässt sich ein Stück weit mitreißen, fügt sich aber nur widerwillig in den Orchesterklang. Mit dem Mariinsky Orchestra unter Leitung von Valery Gergiev klingt das ganz anders. Trifonov ist nicht nur viel stärker in den Gesamtklang integriert, er bestimmt ihn. Durch eigene Akzente, durch eine umfassende Dramaturgie von Tempo und Dynamik, die wiederum Parameter eines Gesamtkonzeptes sind. In dessen Mittelpunkt steht im Gegensatz zur Aufnahme mit Maazel aber nicht der schiere Klang als eigentlicher musikalischer Inhalt, das könnte das Mariinsky-Orchester auch gar nicht leisten, sondern der klangliche Erzählstrom, die Binnenhandlungen, die vielfältigen Charaktere, die sich wie unsichtbare Geister durch den Klangraum bewegen. Es ist die ununterbrochene kohärente Bewegung, die im Zusammen- oder Gegenspiel mit dem Orchester einen gleichsam natürlichen Erzählfluss schafft, der vom Verstehen zum Erleben führt. Man wird als Hörer wirklich Teil der Veranstaltung, man hört nicht nur zu, man fiebert mit. Was immer wieder einmal - neuerdings mit Dolby Atmos - mit großer technischer Anstrengung versucht wird, Trifonov schafft es aus seinem Spiel heraus: Einen Raum zu schaffen, im dem Musik auf eine Weise geschieht, bei der der Unterschied von Musiker und Zuhörer in den Hintergrund gerät.

© SZ vom 06.11.2020
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